Ein Robin Hood in der Buchhaltung

Ein Mitarbeiter des Flüchtlingsheims Visp leitet während zwei Jahren eine Vielzahl von Rechnungen nicht zur Zahlung weiter. Die Geschichte fliegt auf, eine Untersuchung wird eingeleitet. Das Ergebnis: Der Beamte bezahlte die Rechnungen aus eigenem Sack.

Manfred. A* ist als administrativer Mitarbeiter bei der Empfangsstelle für Asylbewerber im Oberwallis (Flüchtlingsheim Visp) tätig. In dieser Funktion kümmert er sich unter anderem auch um Bestellungen, nimmt Lieferungen entgegen und erhält die entsprechenden Rechnungen. Diese Rechnungen werden von Manfred A., der keinen Zugang zum Buchhaltungssystem hat, auch pflichtbewusst bezahlt. Allerdings nicht etwa mit dem Geld des Arbeitgebers, sondern mit seinem Privatvermögen.

Zwischen dem 23. November 2011 und dem 2. September 2013 bezahlt Manfred A. 37‘934.74 Franken aus eigenem Sack. «Ich kann mir mein Verhalten nicht erklären», sagt Manfred A. gegenüber der RA. «Mein Vorgehen war ein Fehler, ich war wohl einfach dumm.»

Durch Zufall aufgeflogen
Während rund zwei Jahren greift der Angestellte für die Bezahlung der Rechnungen auf sein Privatvermögen zurück. Erst als eine Papeterie die Lieferung von bestelltem Büromaterial aufgrund von einigen unbezahlten Rechnungen verweigert, werden die Unregelmässigkeiten von Erwin Heinzmann, Verwalter des Flüchtlingsheims Visp, bemerkt.

Bei internen Kontrollen werden eine Vielzahl von Rechnungen
und Mahnungen gefunden, die nicht zur Zahlung weitergeleitet wurden. Auch Zahlungsquittungen tauchen plötzlich auf. Diese betreffen zwar das Flüchtlingsheim, sind in der Buchhaltung aber nicht erfasst. Manfred A. bestätigt nun erstmals, dass er die Rechnungen mit seinem Geld bezahlt hat. Daraufhin schaltet Heinzmann die Dienststelle für Sozialwesen ein, welche wiederum das kantonale Finanzinspektorat informiert.

Kontrollen vor Ort
Das kantonale Finanzinspektorat führt vor Ort eine Kontrolle sämtlicher Finanztransaktionen der betroffenen Periode (2012 – Ende 2013) durch und findet die Aussage von Manfred A. bestätigt. Es werden Belege für Kassa- und Postcheckbewegungen gefunden, welche das Flüchtlingsheim betreffen und vom Mitarbeiter bezahlt wurden. Ausserdem finden die Kontrolleure auch Rechnungen und Mahnungen, die noch unbezahlt sind. «Die Belastung dieser Rechnungen in der Buchhaltung des Heims hätte unseres Erachtens zu keinen Beanstandungen Anlass gegeben», ist im Jahresbericht 2013 des kantonalen Finanzinspektorats zu lesen.

Manfred A. übergibt dem Finanzinspektorat schliesslich seine privaten Postcheckkontoauszüge. Auch hier wird erkennbar, dass der administrative Mitarbeiter tatsächlich Rechnungen des Flüchtlingsheims Visp bezahlt hatte. Daraufhin muss die Dienststelle für Sozialwesen die vom Finanzinspektorat dargelegten Sachverhalte regeln. Das heisst: Manfred A. wird entlassen und erhält den Betrag von 37‘934.74 Franken zurückvergütet. Heute ist der Fall für Manfred A. abgeschlossen: «Ich habe mein Geld zurückerhalten, gegen mich läuft kein Strafverfahren.»

Wirksame Kontrollen?
Dass ein Angestellter die Rechnungen seines Arbeitgebers bezahlt, ist nicht alltäglich. So erklärt Robert Jaggi, zuständig für Finanzen und Informatik beim kantonalen Amt für Asylwesen: «Würde es sich hier um eine Unterschlagung oder ähnliches handeln, wären uns die Unregelmässigkeiten früher aufgefallen. Da die Rechnungen aber grösstenteils bezahlt wurden, blieb der Fall unbemerkt.» Ausserdem werde die zuständige kantonale Dienststelle mit vielen und vor allem mit hohen Beträgen konfrontiert, da sei es schwierig, jede Einzelheit zu bemerken.

Trotzdem fällt es schwer zu glauben, dass ein Beamter während einem Zeitraum von zwei Jahren auf eigene Faust Rechnungen bezahlt und die fehlenden Belege in der Buchhaltung niemandem auffallen. Vor allem, da die Flüchtlingsheime am Ende jedes Trimesters ihre Buchhaltung überprüfen. Ausserdem kontrolliert die zuständige Dienststelle die Walliser Flüchtlingsheime mindestens einmal im Jahr.

Auch das Finanzinspektorat reiht sich in die Liste der Überwacher ein: Es führt vor Ort unangemeldete Kontrollen der Heimfinanzen durch und erhält jeweils Ende Jahr die Buchhaltungs-Abschlüsse der Flüchtlingsheime. Eigentlich sollten diese Kontrollen ausreichen. «Die Kontrollen funktionieren einwandfrei», erklärt Peter Schnyder, Adjunkt beim kantonalen Finanzinspektorat. «Die Rechnungen wurden bezahlt, also waren in der Buchhaltung auch keine Fehler ersichtlich.»

Neben Beamten und Politikern die ihr Eigeninteresse über alles stellen, gibt es tatsächlich auch Beamte, die freiwillig zu viel bezahlen. Entlassen werden sie trotzdem. Es wäre schön, würden alle Sünder derart konsequent zur Rechenschaft gezogen.


*Name geändert