«al-Qaida wollte mich töten»

Symbolbild

Nach Morddrohungen flüchtete Ilir Mehmedi* aus Afghanistan. Die Geschichte einer Flucht, die noch nicht zu Ende ist. Und über den Versuch, auf einem Scherbenhaufen zu existieren.

Im Dezember 2011 handelte Ilir Mehmedi*. Der Privatunternehmer und führende IT­-Spezialist in einer afghanischen Behörde, flüchtete zusammen mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern aus seiner Heimat. «Mir blieb keine Zeit, um mich vorzubereiten. Wenn das Leben deiner Familie bedroht ist, überlegst du nicht lange», blickt Mehmedi auf den Anfang seiner Flucht zurück. Ilir Mehmedi liess viel zurück: Seine gut funktionierende Privatfirma und alle Besitztümer, die er jemals besessen hatte. Dinge, für die er gearbeitet und gekämpft hatte, opferte er. «Um zu überleben», wie er sagt.

Drohungen und ein Mord
Aufgrund seiner Funktion als IT-­Spezialist wurde Mehmedi zur Zielscheibe von al-­Qaida. «Zuerst wurde mir per Telefon und in Briefen mit dem Tod gedroht», sagt Mehmedi. «Ich sollte Informationen über unsere Tätigkeiten an al­-Qaida liefern. Natürlich tat ich das nicht. Daraufhin wurde einer der Angestellten ermordet. Ich und meine Familie seien die nächsten, hiess es. Ich hatte grosse Angst», so Mehmedi.

Mehmedi wusste sich nicht zu helfen. Fünf Tage nach dem Mord floh die Familie per Flugzeug in die Türkei. Die überstürzte Flucht rettete ihnen das Leben, kostete Mehmedi aber seine Firma. «Ich leitete das IT-­Unternehmen gemeinsam mit einem Geschäftspartner.» Dieser Geschäftspartner hat sich in der Zwischenzeit die Firma unter den Nagel gerissen. Er schickte Mehmedi nicht wie vereinbart Geld. Am Telefon bestritt er, den Geflüchteten zu kennen.

«In Afghanistan habe ich nichts mehr», zieht Mehmedi traurig Bilanz.

Fluchtziel: Kanada
In der Türkei angekommen, beschloss die Familie nach Kanada auszuwandern. «Ein Verwandter lebt in Kanada», bestätigt Mehmedi. «Hier hätten wir jemanden gekannt und wären nicht vor dem absoluten Nichts gestanden.» Bei der Organisation des kanadischen Visums geriet die Familie an einen türkischen Schlepper. «Ich gab dem Mann unsere Reisepässe und bezahlte 5000 Dollar im Voraus. Der Mann verschwand, unser Geld und die Pässe nahm er mit.» Nun sass die junge Familie in der Türkei fest.

«Wir erfuhren von einem anderen Schlepper. Dieser brachte uns nach Griechenland», erinnert sich Mehmedi. «Der Weg nach Griechenland war beschwerlich, wir liefen während der Nacht rund zwölf Stunden am Stück. Es war kalt, um die 20 Grad unter Null. Meine Kinder haben oft geweint. Ich musste sie immer wieder zurechtweisen, damit sie still sind. Schliesslich durften wir keine Aufmerksamkeit erregen.»

Die Kinder hätten nicht verstanden, was los sei. «Endlich überwanden wir mit einem Gummiboot einen Fluss und waren in Griechenland», fasst Mehmedi den Rest der Reise zusammen. «Alle waren erleichtert.»

Die grosse Odyssee beginnt
Die Familie Mehmedi blieb während drei Monaten in Griechenland. «Unser Schlepper teilte uns mit, dass die Reise nach Kanada erst im Frühling möglich sei und dass er dafür noch 30 000 Euro benötige.» Mehmedi leitete über den Bruder in Kanada den Verkauf seiner Besitztümer in Afghanistan ein und konnte dem Schlepper danach 25 000 Euro aushändigen. «Zum Glück war er damit zufrieden», meint Mehmedi und erklärt die weitere Reiseroute: «Von Griechenland wollten wir über Holland nach Kanada einreisen.» So sei ihm die geplante Route jedenfalls erklärt worden.

«Wir waren mit dem Auto, dem Schiff und dem Flugzeug unterwegs», erinnert sich Mehmedi. Er habe die meiste Zeit nicht gewusst, in welchem Land sie zurzeit seien. Der Schlepper hätte klare Regeln gehabt. «Niemals etwas fragen und die Anweisungen strikt befolgen. Weiter durfte nur englisch gesprochen werden.» Während der ganzen Reise sei die Familie zweimal kontrolliert worden. Aufgrund der guten Qualität der gefälschten Papiere seien die Kontrollen aber glimpflich verlaufen, lässt Mehmedi durchblicken. «Wir hatten Angst, wir wollten nicht verhaftet und geschlagen werden.»

Endstation Schweiz
Auf ihrer Odyssee nach Kanada erreichte die Familie schliesslich die Schweiz. Der nächste Schlepper, der die Familie weiterschleusen sollte, tauchte allerdings nicht auf. «Unser Routenplaner wollte nicht weiter. Er brachte uns nach Basel, gab uns 300 Franken für die Kinder und verschwand.» 300 Franken, allein in einem fremden Land, ohne Sprach-­ und Ortskenntnisse. «Ich war wütend», erinnert sich Mehmedi zurück. «Wir wollten doch nach Kanada. Bis in die Schweiz hatte uns die Reise über 80 000 Dollar gekostet.»

Da Mehmedi nicht weiterwusste, wollte er zur Polizei. «Der Taxifahrer fuhr uns schliesslich ins Asylzentrum von Basel.» Nach 15 Tagen musste Mehmedi hier die Beweggründe seiner Flucht und die Reiseroute zu Protokoll geben. «Nur nicht zu ausführlich», habe man ihm gesagt. Dazu habe er bei einem zweiten Gespräch noch Gelegenheit.

Ohne Perspektive
Auf dieses Gespräch und den anschliessenden Entscheid über das Asylgesuch wartet Mehmedi nun seit einem Jahr und acht Monaten. In der Zwischenzeit wurde die Familie dreimal in neue Unterkünfte eingewiesen. Aktuell leben die Mehmedis in Gampel – von 1400 Franken im Monat.

«Ich hasse es, Sozialleistungen zu beziehen», sagt Mehmedi. «Ich möchte auf meinem Beruf arbeiten.» Bis der Asylantrag bearbeitet wird, besitzt die Familie allerdings nur die Aufenthaltbewilligung N. «Damit kann ich im Baugewerbe, im Tourismusbereich oder als Raumpfleger arbeiten», erklärt Mehmedi. Da nützen ihm auch seine dreizehn von Bill Gates unterzeichneten Microsoft­Zertifikate nichts.

So sitzt Mehmedi zuhause und schreibt kleine Computerprogramme «um nichts zu verlernen.» Seine Frau, eine ausgebildete Englischlehrerin, arbeitete in einer Wäscherei, bevor sie die Arbeit wegen Rückenproblemen aufgeben musste. Ein IT­-Spezialist und eine Englischlehrerin in der Perspektivlosigkeit – weil sie keine Schweizer sind und weil sie auf Entscheide warten müssen. Irgendwie muss die Familie Mehmedi weiterleben.

*Name geändert


Rhonezeitung, 19. Dezember 2013