Arbeiter kritisieren miserable Arbeitsbedingungen

Die Emissionen der Renovationsarbeiten im Simplontunnel sind deutlich sichtbar.

Der Simplontunnel wird saniert: Arbeiter beklagen sich über unzumutbare Arbeitsbedingungen, vor allem die mangelnde Luftqualität wird kritisiert. Die Ambulanz war bereits mehrmals vor Ort.

Seit März 2012 wird der Simplontunnel umfassend renoviert. In mehreren Etappen werden während drei Jahren Weichen ersetzt und die Sohle abgesenkt. Ausserdem wird die teilweise nicht mehr funktionstüchtige Entwässerung sowie der Gleisoberbau ausgewechselt. Auch die bestehende Stromversorgung ist veraltet und muss auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Nicht zuletzt kümmern sich die Arbeiter im Inneren des Tunnels auch um die Selbstrettungsmassnahmen. Dabei werden in jeder Tunnelröhre Gehwege, Handläufe, eine Notbeleuchtung und Fluchtwegbeschilderungen eingebaut. Auch beleuchtete Fluchtwege mit Torabschlüssen werden installiert. Kostenpunkt der Renovationsprojekte: Rund 170 Millionen Franken.

Um die anfallenden Arbeiten kümmert sich dabei ein Konsortium, worin mehrere Baufirmen involviert sind.

Beobachtungen eines Anwohners
Unlängst meldete sich ein besorgter Anwohner bei der Rhonezeitung. «Ich wohne in Sichtweite der Tunneleinfahrt. Oft bemerke ich Rauch und Qualm, der aus der Tunnelöffnung austritt.» Sofort habe er an die Arbeiter gedacht, die sich im Inneren des Tunnels aufhalten. «Das muss die Hölle sein», teilt der Anwohner seine Befürchtungen mit.

Einige Tage später bemerkte er einen Krankenwagen, der erst einen Zug passieren liess und sich dann um den Abtransport eines offensichtlich verletzten Arbeiters kümmerte. «Dasselbe Szenario hat sich einige Tage später wiederholt», erklärt der Anwohner. «In knapp zwei Wochen wurde die Ambulanz mindestens zweimal aufgeboten.»

Die starke Emissionsentwicklung, verbunden mit den Auftritten des Krankenwagens, lässt die Schlussfolgerung zu: Die Arbeiter leiden unter den schlechten Luftbedingungen und kollabieren. Dieser Verdacht wird von Matthias Volken, Betriebsleiter der Sanität Oberwallis, nicht bestätigt: «Es ist wahr, dass die Sanität Oberwallis regelmässig Einsätze zum Portal des Simplontunnels fährt. Da der Tunnelbau mit einem gewissen Risiko verbunden ist, sind diese Einsätze allerdings nichts aussergewöhnliches.»

So habe man bei den Patienten keine Vergiftungen infolge von Emissionen feststellen können. Vielmehr würden sich die Arbeiter durch Fehltritte verletzen. Auch Schnittverletzungen seien an der Tagesordnung. Dies sei in erster Linie auf die eingeschränkten Platzverhältnisse im Inneren des Berges zurückzuführen.

Arbeiter beschwerten sich
Nichtsdestotrotz wurden mehrere Tunnel­-Arbeiter bei der Gewerkschaft UNIA vorstellig. Ihre Kritik: Die Arbeitsbedingungen im Inneren des Tunnels sind nicht auszuhalten, die Luftqualität ist miserabel. «Bei den Arbeiten wird schweres Gerät benötigt,so kommen zum Beispiel auch Diesellocks zum Einsatz», weiss UNIA­Gewerkschaftssekretär Nevio Giraldi. «Die Emissionen stauen sich im Inneren des Tunnels, ich kann mir gut vorstellen, dass die Luftqualität sehr schlecht ist.»

Zwar bestätigt auch Giraldi, dass der Simplontunnel eine logistisch schwierige Baustelle sei. Aber: «Die Sicherheit der Arbeitnehmer muss zu jedem Zeitpunkt gewährleistet sein. Es darf nicht sein, dass die Gesundheit der Arbeiter in Mitleidenschaft gezogen wird.» Aus diesem Grund suchten die Gewerkschafts­-Mitarbeitenden verschiedene, in die Bauarbeiten involvierte Unternehmungen auf und konfrontierten diese mit der Kritik der Arbeiter. Das habe allerdings keine Wirkung gezeigt. «Für die Sicherheit der Arbeiter und die Luftmessungen seien die Inspektoren der SBB zuständig», fasst Giraldi die erhaltenen Antworten zusammen.

Stellungnahme der SBB bleibt aus
Natürlich wäre es interessant zu erfahren, wie die SBB die Kontrollen auf den Baustellen organisiert, wie sie die Sicherheit und die Luftqualität auf den eigenen (Tunnel­)Baustellen einschätzt und wie die Schweizerischen Bundesbahnen zur Kritik der Simplontunnel-Arbeiter Stellung beziehen. Leider ist dies nicht möglich. «Besten Dank für Ihre Anfrage. Diese ist terminlich sehr knapp, leider konnte ich deshalb Ihre Fragen bezüglich Arbeitsbedingungen noch nicht klären, da ich die zuständige Ansprechsperson bisher noch nicht erreichen konnte», teilt Franziska Frey, Mediensprecherin bei der SBB, mit.

Dagegen erwähnt Nevio Giraldi ein Problem, das im Zusammenhang mit den
Besuchen der SBB-­Inspektoren auftritt. «Die Kontrolleure melden sich jeweils auf den Baustellen an. Natürlich gibt es beim Besuch eines Inspektors keine Probleme, natürlich ist die Baustelle in tadellosem Zustand.» So würden die Maschinen, welche viele Emissionen verursachen, einfach ausgeschaltet.

Die Schattenseite des Tunnels
Der Simplontunnel gilt seit jeher als schwierige Baustelle. So forderte der Bau der rund zwanzig Kilometer langen Verbindung zwischen der Schweiz und Italien 67 Todesopfer, zusätzlich starben viele der Bauarbeiter später an Folgekrankheiten. Sowohl beim Bau der ersten Röhre (1898 – 1905) als auch beim Bau der zweiten Verbindung (1912 – 1921), hatten die überwiegend italienischen Arbeitskräfte auch mit den hohen Temperaturen und den auftretenden Emissionen im Inneren des Bergs zu kämpfen.

Aufgrund der miserablen Arbeits­ und Lebensbedingungen (zum Beispiel in den Arbeiterslums in Naters) traten die damaligen Arbeiter in Streiks, welche von der Armee und von Bürgerwehren niedergeschlagen wurden. Heute, rund 116 Jahre nach dem Baubeginn des Simplontunnels, scheint sich die Geschichte teilweise zu wiederholen: Erneut klagen Bauarbeiter über schlechte Arbeitsbedingungen und das Risiko von gesundheitlichen (Folge­)Schäden, erneut lassen sich die Verantwortlichen nicht gerne in die Karten blicken.

Damals wie heute sind die Bauarbeiter die Leidtragenden. Aktuell installieren sie im Inneren des Tunnels neue Sicherheitsvorkehrungen und müssen dabei um ihre eigene Sicherheit fürchten.


Rhonezeitung, 24. April 2014


Nachtrag: Vier Arbeiter ins Spital eingeliefert

Bis zu 30 Grad im Tunnelinneren
Die SBB meldete, dass das SIcherheitskonzept im Simplontunnel gut funktioniere – bis vor zwei Wochen. «Während der bisherigen mehr als zweijährigen Bauzeit traten kaum Probleme mit der Luftqualität auf», so Franziska Frey, Mediensprecherin SBB. «In den letzten zwei Wochen kam es allerdings teilweise zu Grenzüberschreitungen.»

Als Sofortmassnahmen seien, wo nötig, die Bauarbeiten eingestellt und die Baustelle geräumt worden. Aufgrund dieser Grenzwertüberschreitungen mussten in den letzten zwei Wochen insgesamt vier Arbeiter zur Überprüfung ins Spital gebracht werden. «Sie beklagten sich über Übelkeit, Kopfschmerzen und Sauerstoffmangel. Alle wurden ambulant untersucht und konnten anschliessend wieder aus dem Spital entlassen werden».