Der Körper im Ausverkauf

Auf den Spuren des Walliser Rotlichtmilieus.

Das Sexgewerbe im Wallis läuft: In Hotels, Mietwohnungen, Kontaktbars und Bordellen prostituieren sich zahlreiche Sexarbeitende. Das Angebot
wird genutzt – und totgeschwiegen.

Im Oberwallis ist es nicht schwer mit einer Sexarbeiterin in Kontakt zu treten: In der Tageszeitung findet der Interessierte ausreichend Kleinanzeigen, in denen sexuelle Dienstleistungen angeboten werden. Nach zahlreichen Fehlschlägen finde ich auf diesem Weg Ramona*, mit welcher ich einen Interviewtermin in ihrer Mietwohnung vereinbare. Der Empfang der knapp bekleideten Dame aus dem Ostblock ist herzlich. Schnell macht sie mir aber die Grundsätze der Prostitution klar. «Ohne Geld keine Leistung», sagt sie und meint damit auch das Interview, für das ich plötzlich rund 200 Franken bezahlen soll.

Prostitution im Wallis
Im Wallis sind laut Sylvia Bittel-Ruffener, Fachstellenleiterin der Aidshilfe Oberwallis, rund 2000 Prostituierte registriert, davon seien 350 für das Oberwallis gemeldet. Da die meisten Sexarbeitenden aber viel reisen, geht die Kantonspolizei davon aus, dass sich zeitgleich etwa 40 Prostituierte im Oberwallis aufhalten. Seit dem Jahr 2004 besteht für diese Personen die Pflicht, sich bei der Kantonspolizei zu melden. Ferner müssen Ausländer/innen über eine Arbeitsbewilligung oder über eine positive Meldung verfügen. «Damit können Personen aus dem EG/EFTA-Raum während 90 Tagen pro Kalenderjahr ihrer Arbeit nachgehen», erklärt Markus Rieder, Sprecher der Kantonspolizei Wallis.

Neben der Kantonspolizei, welche die Salons und Bars regelmässig kontrolliert, kümmert sich auch die Aidshilfe Oberwallis um die Sexarbeitenden. Während des Jahres treffen die Mitarbeitenden der Aidshilfe rund 170 Prostituierte und sprechen mit ihnen unter anderem über Gesundheit, Gewalt und Illegalität. «Zurzeit sind viele Osteuropäerinnen im Wallis», erklärt Bittel-Ruffener. «Aufgrund der schwierigen Situation in den Heimatländern, reisen auch vermehrt spanische oder südamerikanische Prostituierte mit spanischen Pässen in die Schweiz.»

Prostitution als Ausweg
Nach dem geplatzten Interview mit Ramona*, treffe ich einige Zeit später Yana*, welche in einem Oberwalliser Hotel ihre Dienste anbietet. Die Ungarin mittleren Alters ist froh über einen Gesprächspartner, froh der Langeweile im beengenden Hotelzimmer für eine Weile zu entkommen. Denn Yana* hat, wie die meisten Sexarbeiterinnen, kaum soziale Kontakte zur Aussenwelt. «Ich arbeite seit zweieinhalb Jahren als Prostituierte», erklärt Yana*. «Meine Familie und die meisten meiner Freunde in Ungarn wissen nichts von meinem Beruf.»

Die alleinerziehende Mutter und ausgebildete Kindergärtnerin hat sich aufgrund einer finanziellen Notlage für die Prostitution entschieden. «In Ungarn verdienst du nichts, mit meiner Arbeit kann ich meine Tochter finanziell durchbringen.» Für eine bessere Zukunft ihres Kindes prostituiert sich Yana* und verdient dabei nach Abzug der Reise-, Unterhalts- und Anzeigenkosten im Schnitt drei- bis viertausend Franken im Monat. In Ungarn ist das eine Menge Geld.

Das Geschäft laufe aufgrund des Überangebots im Wallis derzeit aber nur schleppend, bedauert Yana* und fügt an: «Früher habe ich in Visp 6000 Franken in der Woche verdient.» Da es im Wallis aber immer mehr Konkurrenz gebe, würden die Preise fallen. So müssten die Prostituierten um Freier buhlen und würden darum auch ungeschützten Geschlechtsverkehr anbieten. Eine Aussage die zum Nachdenken anregt: «Viele Walliser Männer pochen auf ungeschützten Verkehr. Vor allem junge Sexarbeiterinnen kommen dem Wunsch oft genug nach.»

Prostitution als Belastung
Yana* hat wie viele ihrer Kolleginnen, auch schon Gewalt erlebt. «Viele Freier denken, dass sie die ganze Frau kaufen. Dabei kaufen sie doch bloss eine Dienstleistung.» Dann wird die Ungarin nachdenklich: «Das Bild, das ich von Männern habe, hat sich radikal geändert. Ich lerne viele Lügner und Betrüger kennen. Ich habe Stammgäste, die zuhause eine schwangere Frau oder kleine Kinder haben. Die verheirateten Oberwalliser betonen stets, dass sie ihre Frau lieben würden. Was machen die dann bei mir?»

Neben dem negativen Bild der Männer, leidet Yana* unter Lustlosigkeit beim Geschlechtsverkehr: «Ich kann den Sex auch mit einem von mir gewählten Partner nicht mehr geniessen.» Und weiter: «Ich will nicht mehr sexy sein, am liebsten habe ich einfach meine Ruhe.» Der Beruf als Sexarbeiterin sei physisch und psychisch anstrengend, sagt die Ungarin, bevor sie erwähnt, dass es auch im Wallis Zwangsprostitution gebe und sich viele betroffene Frauen niemals bei der Polizei melden würden. «Diese Frauen sind illegal hier, sie haben Angst vor der Ausweisung.» Die Frage nach ihrer Zukunft lässt Yana* unbeantwortet. Vielleicht heirate sie, scherzt die Sexarbeiterin und lacht.

Die Prostitution in Clubs
Die Prostitution findet im Oberwallis in einer Kontaktbar in Turtmann und in einem Bordell in Gamsen statt. «Die Frauen wechseln regelmässig ihren Standort, die Betreiber der Kontaktbars und der Bordelle sind oft schweizweit und internationalvernetzt», erklärt Bittel-Ruffener. Ein Beispiel aus dem Oberwallis: Die Frauen der Kontaktbar in Turtmann und eines Nachtclubs im Kanton Waadt werden im Turnus von rund drei Wochen «verschoben», da beide Anlagen dem gleichen Besitzer gehören.

Dagegen will der Besitzer eines Cabarets in Siders nichts von Prostitution wissen: «Wir sind nur ein Cabaret und lesen die Frauen, die bei uns arbeiten, nicht auf der Strasse auf. Bei uns gibt es keine illegalen Sachen. Ausserdem verdiene ich an der Konsumation der Gäste, ich verkaufe keine Körper», so der etwas aufgebrachte Besitzer am Telefon.

Das Geschäft mit der Miete
Weitaus verbreiteter ist im Wallis dagegen die Prostitution in Mietwohnungen, Studios und Hotelzimmern. Die meist selbstständig arbeitenden Damen finden die Wohnungsangebote dabei im Internet. «Die Frauen, die aufgrund der 90-Tage-Regel hier sind, bleiben selten lange an einem Ort, sie reisen viel», erklärt ein Szenekenner der anonym bleiben will. «Die Frauen planen ihre Touren im Voraus. Auch die Wohnungen werden vor der Reise gebucht und bezahlt. Dabei berappen die Sexarbeitenden für eine Wohnung pro Woche soviel, wie normale Mieter pro Monat bezahlen würden», erklärt der Insider.

Ausserdem erfahre ich, dass im Wallis einige ehemalige Clubbesitzer ihr Geschäft in solche Wohnungen verlagert haben. «Damit sind die Angebote breiter gestreut und näher bei der Kundschaft», so der Szenekenner, der dann noch anfügt, dass viele Oberwalliser Wohnungs- und Clubbesitzer sehr gut für die Frauen sorgen würden. «Die Frauen werden geschützt, der Umgang ist anständig und respektvoll.» Eine Aussage die von Bittel-Ruffiner unterschrieben wird: «Viele Clubbesitzer wollen, dass wir die Frauen über gesundheitliche Dinge aufklären. Ausserdem ist es wichtig zu betonen, dass sich viele Frauen freiwillig prostituieren. Frauen die von Zwangsprostitution betroffen sind, können sich im Rahmendes Belladonna-Projekts bei der Aidshilfe melden.» Dies geschehe allerdings nur sehr selten.

Der Ärger der Anwohner
Im Zuge der Recherchen kontaktierte die RZ auch Anwohner von Oberwalliser Blockwohnungen, in denen Prostitution betrieben wird. «Wir sind damit überhaupt nicht einverstanden», meinen die meisten von ihnen. «Es verkehren allerlei zwielichtige Gestalten in den Fluren», bekomme ich zu hören. Die Krux an der Sache: Gegen Prostitution in einer Mietwohnung kann rechtlich nicht vorgegangenwerden, das Geschäft mit Sex ist in der Schweiz seit 1942 legal und wird als Form der wirtschaftlichen Tätigkeit betrachtet.

Trotzdem haben sich vor einigen Jahren die Bewohner einer Oberwalliser Immobilie erfolgreich gegen Prostitution in ihrem Haus gewehrt. «Die Anwohner organisierten einen Überwachungsplan», weiss ein Betroffener, der zurzeit selber gegen Prostitution in seinem Haus kämpft. «Sie setzten sich abwechslungsweise vor die betreffende Tür. Die Freier fühlten sich ertappt und machten auf dem Absatz kehrt. Nach einiger Zeit mussten die käuflichen Damen die Wohnung aufgeben, da das Geschäft nicht mehr lief.»

Prostitution im Wandel der Zeit
Infolge der technologischen Entwicklung hat sich auch die Prostitution verändert. «Durch das Internet und die Mobiltelefone wurden die Sexarbeitenden unabhängiger», weiss Bittel-Ruffener. Das bestätigt auch ein Oberwalliser Betreiber einer Internetseite, auf welcher die Sexarbeitenden ihre Angebote inserieren können. «Ich sehe mein Angebot als soziales Netzwerk. Damit helfe ich den Sexarbeitenden unabhängig zu arbeiten. So werden sie weniger ausgenutzt und behalten einen grösseren Teil des Gewinns für sich.»

Daneben beeinflusst aber auch die Emanzipation die Prostitution. «Heute gibt es Kontaktbörsen, der Umgang mit Geschlechtsverkehr ist lockerer geworden. Sowohl Frauen als auch Männer suchen im Ausgang nach einem Abenteuer. Diese Offenheit führt dazu, dass das Sexgewerbe weniger beansprucht wird», so der Betreiber der Internetseite. «Trotzdem wird die Prostitution niemals aussterben.»

Ein Verbot ist keine Lösung
Der Skandal im Zürcher Rotlichtmilieu mit drei verhafteten Polizisten, lässt Politiker über ein schweizweites Verbot der Prostitution diskutieren. Deckungsgleich mit unzähligen Fachleuten sprechen sich allerdings auch die von der RZ befragten und im Walliser Rotlichtmilieu involvierten Personen alle gegen ein Prostitutionsverbot aus. Dieses würde die Sexarbeitenden in die Illegalität treiben und erpressbar machen. Damit wäre niemandem gedient. Egal welche repressiven Massnahmen installiert werden, die Prostitution wird bestehen bleiben – ob im Wallis oder anderswo.


«Ab rund 200 Franken wird fast jeder Wunsch erfüllt»

Die Kontaktbar in Turtmann ist gut besucht, als ich sie zusammen mit einem Begleiter betrete. Bereits an der Türe werden wir von einer knapp bekleideten Frau mit «Hey Baby» begrüsst. Die knappen Kleider, die Stripteasestange und die Getränkepreise lassen keinen Zweifel zu: Hier kann der Kunde neben seinem Durst auch fleischliche Gelüste stillen.

Nach einem kurzen Augenschein der Lokalität gehen wir an die Bar und bestellen zwei Stangen Bier. Neben uns stehen mehrere ältere Männer und unterhalten sich angeregt mit einigen Damen, deren Gewerbe unschwer zu erraten ist. Nachdem wir unsere Getränke erhalten haben, begeben wir uns in den hinteren Teil der Bar und setzen uns auf die dort bereitstehenden Sofas.

Bereits nach kurzer Zeit steuern zwei junge Damen auf uns zu und verwickeln uns in ein Gespräch: «Hey, ich bin Sara*, ich komme aus Ungarn und bin heute zum ersten Mal hier», meint die eine von ihnen und setzt sich nah neben mich. Ich begrüsse die Frau und beginne zu fragen: «Ich mache sowas um ersten Mal, wie läuft das nun ab?» Die hübsche Ungarin lächelt verschmitzt. «Wir reden ein bisschen und lernen uns kennen. Hinter diesem Gebäude gibt es Zimmer, falls du Lust hast, gehen wir dorthin.»

Im weiteren Verlauf des Gespräches erfahre ich noch, das Sara* für drei Wochen in Turtmann bleibt, dann geht sie für einige Zeit weiter in den Kanton Waadt und von dort zurück in die Heimat. Dieselbe Reiseroute liegt auch vor der anderen Dame, wie mir mein Begleiter später erzählt. Wir reden noch ein bisschen, dann erwähne ich, dass wir uns betreffend des Angebots (ein gemeinsames Schäferstündchen mit den zwei Damen und meinem Begleiter) nicht sicher sind. Die Damen lächeln und weg sind sie – an die Bar, wo schon der nächste Mann wartet.


Rhonezeitung, 21.11.2013