Der Mörder von Brigitte Didier bleibt hinter Gittern

Vor 26 Jahren wurde Brigitte Didier in Biel vergewaltigt und erstochen. Gestern befasste sich das Regionalgericht Berner Jura-Seeland erneut mit dem Täter. Dieser beantragte die Umwandlung seiner Freiheitsstrafe in eine stationäre therapeutische Massnahme.

Der Zugang zum Gerichtssaal ist mit einem Band versperrt. Dahinter stehen drei Polizisten. Taschen leeren, Arme ausbreiten und sich durchsuchen lassen: Die wartenden Journalisten und Zuschauer haben dieses Prozedere bereits hinter sich. Gerichtspräsident Markus Gross sitzt auf seinem Stuhl, vor ihm das Dossier, das Einblick in zwei brutale Morde gibt – der Grund, warum sich derart viele Menschen für die anstehende Verhandlung interessieren.

Flankiert von zwei Polizisten, betritt Marco Hartmann* den Saal. Kurzhaarschnitt, Brille, Dreitagebart. «Guten Tag», grüsst er freundlich. Mit einem leichten Stirnrunzeln mustert er die vollen Zuschauerränge. Da weiss er noch nicht, dass das Fünfergericht seinen Antrag in rund sieben Stunden ablehnen wird und er keine stationäre therapeutische Massnahme erhält.

Der 49-jährige Familienvater wurde 1999 wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt. Im Jahr 2006 folgte dann die Verurteilung wegen des Mordes an Brigitte Didier. Dafür erhielt er eine lebenslange Haftstrafe mit anschliessender Verwahrung (siehe Box).

Kämpfen für die Therapie
Die Verhandlung ist wichtig für Hartmann: Er hatte dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland ein «Gesuch um Umwandlung der Verwahrung in eine stationäre therapeutische Massnahme» gestellt. Würde die Umwandlung angenommen, könnte er in einigen Jahren und je nach Therapieverlauf mit Hafterleichterungen, später vielleicht gar mit der Entlassung rechnen. «Hafterleichterungen stehen für meinen Mandanten nicht im Vordergrund», sagt dagegen sein Pflichtverteidiger Sascha Schürch. «Er will die bestmögliche Therapie erhalten.»

Die Verhandlung ist aber auch für die Richter des Regionalgerichts speziell. Verurteilte Straftäter stellen hier nicht oft Umwandlungsanträge.

Hartmann richtet seine Halskette, verschränkt die Arme und beantwortet die Fragen von Gerichtspräsident Gross. Er muss Auskunft auf unangenehme Fragen geben. Etwa, warum er die vorsätzliche Tötung, für die er 1999 verurteilt wurde, erst zugegeben und später vor Gericht viermal vehement geleugnet hatte. «Das ist mir selber unverständlich», antwortet Hartmann. «Ich habe einzig vor Gericht gelogen, das waren taktische Gründe.»

Als er schliesslich gefragt wird, was er sich von einer Therapie erhoffe, wird seine Stimme bestimmter. Er gestikuliert. Hartmann will die Tat und sich selbst besser verstehen. «Ich sehe die Tat nicht wie im Film, eher als aufeinanderfolgende Standbilder», erklärt er.

Brigitte Didier ist weg
Während seiner Haftzeit hat Hartmann während insgesamt neun Jahren freiwillig Therapien absolviert. Das wird ihm vom Richter angerechnet, der Therapiewille sei da, heisst es. Hartmann hat aber ein anderes Problem: «Ich kann mich weder an die Tat, noch an das Opfer, noch an den Tatort erinnern», sagt er, als er zum Fall Brigitte Didier befragt wird. Das war schon immer so: Auch 26 Jahre nach der Tat weiss Hartmann nichts darüber.

Gemäss seinem Verteidiger akzeptiert er seine Schuld zwar aufgrund der erdrückenden Beweislast, erinnern könne er sich aber nicht. Da helfen auch die Tatortfotos nicht. «Sie haben nichts in mir ausgelöst», sagt Hartmann.

Während die Staatsanwältin seine brutale Tat detailliert schildert, sagt Hartmann nichts. Regungslos starrt er auf den Boden.

Die «Black-Box» im Kopf
Ein Experte kam in einem Gutachten zum Schluss, dass Hartman seine Erinnerung verdrängt und abgespalten haben könnte. Oder er lügt, beides ist möglich. Das Resultat ist das Gleiche, es wird «Black-Box» genannt: Keiner der Therapeuten konnte mit Hartmann an seinem «psychopathisch-gewalttätigen und sexuell devianten» Teil der Persönlichkeit arbeiten, da Hartmann sich an nichts mehr erinnert.

Das ist einer der Hauptgründe, warum Hartmanns Antrag nicht angenommen wurde. Wie will man jemanden therapieren, der sich nicht an seine Probleme erinnert? Dem neun Jahre Therapie seine Erinnerungen nicht zurückgebracht haben? Hartmann sagt vor Gericht das Gegenteil: «Dominanz und Gewalt beim Geschlechtsverkehr haben mich nie interessiert. Ich habe das nie praktiziert und finde es eher abstossend.»

Rückfallgefahr vorhanden
Um für eine stationäre therapeutische Massnahme in Frage zu kommen, müssen gemäss Gesetz verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein: Der Täter muss psychisch schwer gestört sein, weiter muss seine Tat in Zusammenhang mit seiner psychischen Störung stehen. Ausserdem muss zu erwarten sein, dass durch die Therapie keine Straftaten mehr begangen werden, die im Zusammenhang mit der psychischen Störung stehen. Das Bundesgericht urteilte, auch eine vage Erfolgsaussicht reiche nicht für die Umwandlung der Verwahrung. Zudem müsste die Gefahr durch die Therapie innerhalb von fünf Jahren deutlich vermindert werden können.

Das Regionalgericht entschied gestern, dass Hartmann diese Voraussetzungen nicht erfüllt. In einem Gutachten wird seine Rückfallgefahr als hoch eingeschätzt, daneben sei nicht mal klar, ob Hartmann psychisch krank sei. Im Gutachten wird immer nur von «Teilen seiner Persönlichkeit» gesprochen. «Wir haben aufgrund der «Black-Box»-Problematik keine präzise psychologische Analyse», sagte Gerichtspräsident Gross bei der Urteilsverkündung. Aus dem gleichen Grund könne man auch nicht mit wesentlichen Behandlungserfolgen rechnen, da an Hartmanns zentraler Problematik nur bedingt gearbeitet werden könne. Ausserdem wird die Rückfallgefahr von Hartmann als «absolut relevant» eingestuft.

Für Hartmann ist das eine denkbar ungünstige Konstellation. «Ich will mich erinnern können», sagte er vor Gericht. Er überzeugte die Richter nicht.

Die Verteidigung wartet nun die schriftliche Urteilsbegründung ab, dann wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Beschwerde einreichen.

*Name geändert


Die zwei Mordfälle im Überblick

1990 wurde unter dem Autobahnviadukt der A16 in Biel die Leiche der 18-jährigen Brigitte Didier gefunden. Hartmann hatte sie aufs Heftigste gewürgt, danach vergewaltigte er sie. Dann erstach er sie mit zehn Messerstichen. Die brutale Tat sorgte landesweit für Entsetzen. Obwohl die Polizei über 400 Personen befragte und schliesslich gar eine Belohnung aussprach, fehlte vom Täter während elf Jahren jede Spur. Erst nachdem DNA-Vergleiche möglich wurden, identifizierte die Polizei Hartmann als Täter. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich bereits in Haft. Er hatte 1999 in Biel einen Mann erschossen und wurde wegen vorsätzlicher Tötung zu 15 Jahren Haft verurteilt.

 

Zum Vorbericht «Erneute Verhandlung im Fall Brigitte Didier»


Bieler Tagblatt, 21. Dezember 2016