«Die Geschichte gibt mir Recht»

Bernard Rappaz: «Die Walliser Justiz hat Angst vor mir.»

Bernard Rappaz wurde wegen Handels mit Betäubungsmitteln und anderen Delikten zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt rund elf Jahren verurteilt. Während der Haftzeit trat Rappaz mehrmals in den Hungerstreik und sorgte so schweizweit für Diskussionen.

Herr Rappaz, kürzlich erschien Ihr Buch «Pionnier». Warum dieser Titel?
Eigentlich wollte ich das Buch «Im Namen des Hanfs» nennen. Mein Verleger schlug mir daraufhin den Namen «Pionnier» vor. Dieser Name passt sehr gut zu mir, da ich schon immer ein Pionier war. Ich war der erste Bio-Bauer im Wallis, setzte früh auf erneuerbare Energien und gelte auch in Sachen Hanf als Pionier. Der Titel passt.

Weshalb haben Sie ein Buch verfasst?
Ich schreibe sehr gerne und hatte Lust, über das Thema Hanf zu schreiben. Ausserdem will ich die Öffentlichkeit an meinem Leben teilhaben lassen. Ich habe gemerkt, dass ich mich sowieso nicht verstecken kann, ich werde überall erkannt. Das Buch entstand zu neunzig Prozent im Gefängnis. Ich empfand das Gefängnis als idealen Ort um zu schreiben.

Um was geht es in dem Buch?
Das Buch handelt von meiner Zeit hinter Gittern. Daneben enthält es aber auch eine Art Biographie von mir. Es erklärt, wie Rappaz zu demjenigen wurde, der er heute ist. Weiter ist aber auch Cannabis und die Walliser Justiz ein Thema. Ausserdem enthält das Buch viele philosophische Gedanken.

War es schwierig, als verurteilter Straftäter einen Verleger zu finden?
Nein. Zwei Tage, nachdem die Öffentlichkeit erfahren hatte, dass ich an einem Buch schreibe, klopfte bereits ein Verleger an. Themen wie Gefängnis, Drogen und Justiz interessieren die Leute.

Sie sassen über elf Jahre hinter Gittern, absolvierten Hungerstreiks und kämpften gegen die Justiz. Haben Sie mit dem Verfassen von «Pionnier» mit Ihrer Vergangenheit aufgeräumt?
Das Buch kann als Abschluss von einem Lebensabschnitt gesehen werden, es ist eine Reflexion der Dinge, die mir widerfahren sind. Ich werde sicher keine illegalen Sachen mehr unternehmenund habe keine Lust, wieder ins Gefängnis zu wandern. Trotzdem werde ich aber für die Legalisierung von Cannabis weiterkämpfen.

Sie bezeichnen sich als politischen Gefangenen.
Richtig. Ich war kein Drogendealer, sondern Hanfbauer und militanter Idealist. Ein Dealer kauft Drogen zu einem Ankaufspreis und profitiert beim Wiederverkauf von der Marge. Ich habe das Cannabis dagegen angebaut und sehr billig verkauft. Damit wollte ich die Legalisierung erreichen. Wäre der finanzielle Gewinn mein Hauptziel gewesen, wäre ich diskreter vorgegangen. Diesen Unterschied haben die Leute nie verstanden. Ausserdem war das Verhalten der Walliser Justiz gegenüber dem Häftling Rappaz typisch für einen politischen Gefangenen. Die Justiz hat Angst vor mir, da ich mit den Medien rede und mit meiner Meinung an die Öffentlichkeit gehe. Das machte mich zum unbequemen Störfaktor, was mir übrigens von einigen namhaften Walliser Politikern auch so bestätigt wurde. Auch die Unangemessenheit der Strafdauer wird von einigen Politikern kritisiert.

Das bedeutet, dass Sie mit dem Verkauf von Cannabis keine Gewinne erzielten?
Das ist so. Die Einnahmen brauchte ich, um die Kosten für den Anbau zu decken. Ich erzielte keine grossen Umsätze und verdiente nicht mehr als ein Tabakhändler. Aus diesem Grund brach mirdie Busse von 150 000 Franken, die ich für die Beschlagnahmung von 50 Tonnen Hanf zu bezahlen hatte, auch das Genick. Daneben musste natürlich mein Advokat bezahlt werden, der auch nicht ganz billig war.

Sie haben die Busse von 150 000 Franken angesprochen. Auch damit waren Sie nicht einverstanden.
Sehen Sie, der Betrag bestand zu grossen Teilen aus der Bearbeitungsgebühr, die bei der Beschlagnahmung des Hanfs anfielen. Das Cannabis wurde dabei von 102 Polizisten beschlagnahmt, zwei Agenten hätten aber ausgereicht, ich bin nicht gefährlich. Dagegen ist es natürlich medienwirksamer, wenn man der Öffentlichkeit eine Razzia mit über 100 involvierten Polizisten präsentieren kann. Weiter wurde der Hanf mit drei gemieteten LKWs in eine stillgelegte Fabrik oberhalb von Vouvry transportiert, welche dafür für drei Jahre angemietet wurde. Die Polizisten hätten an meiner Garage auch das Schloss auswechseln können, das wäre billiger gewesen.

Das Bundesgericht entschied dann, dass der Hanf zu Unrecht beschlagnahmt wurde und zurückgegeben werden musste.
Das war ein Sieg für mich. Bei der Rücknahme des Hanfs stellte ich fest, das rund drei Tonnen gestohlen worden sind. Auch das wäre in meiner Garage wohl nicht passiert.

Zurück zu Ihnen: Ihr Kampf für die Cannabislegalisierung kostete Sie elf Jahre Ihres Lebens, daneben verloren Sie Ihren Besitz und beinahe auch Ihr Leben. Bereuen Sie nichts?
Nein, ich bereue nichts. Ich würde alles nochmal genau so machen, auch die Hungerstreiks, welche ich als friedliche, politische Waffe sehe. Trotzdem unterlief mir ein politischer Irrtum: Ich gründete eine Gewerkschaft für Hanfbauern und eine für Hanfverkäufer. Hätte ich damals eine Organisation für Hanfkonsumenten gegründet, wäre Cannabis heute wohl bereits legalisiert. Mit den Millionen Schweizer Konsumenten hätte man etwas bewirken können.

Was taten Sie im Gefängnis?
Ich hatte niemals Angst vor dem Gefängnis, da ich bereits früher aufgrund meiner Militärdienstverweigerung und dem Nichtbezahlen der Bussen eingesperrt wurde. Während meiner Haftzeit betete und meditierte ich oft. Ausserdem arbeitete ich in der Wäscherei des Gefängnisses und beantwortete jeden einzelnen Brief, den mir Unterstützer aus aller Welt zusandten. Ich war ein Star im Gefängnis und half den Mitgefangenen oft bei ihren Anliegen. Ich wollte auch hinter Gittern etwas Positives bewirken.

Welches war das einschneidendste Erlebnis während Ihrer Haftzeit?
Im Gefängnis von Crêtelongue sah ich etwa im Jahr 1990, wie Jugendliche aus Sitten während den Besuchszeiten bei den Häftlingen Heroin kauften. Da wurde mir einmal mehr klar, dass die Prohibition nicht funktioniert und dass ich mit meinen Forderungen auf dem richtigen Weg bin.

Sie unternahmen mehrere Hunger- und Trinkstreiks, hungerten einmal sogar während 120 Tagen. Wollten Sie für Ihre Ziele wirklich sterben?
Nein. Der Hungerstreik ist eine friedliche, politische aber auch gefährliche Waffe. Jeder, der einen einen Hungerstreik absolviert, denkt, dass er gewinnen und leben kann. Ausserdem stirbt die Hoffnung immer am Schluss. Ich schöpfte meine Kraft aus der Ungerechtigkeit, die mir widerfahren war. Auch die vielen Solidaritätsbekundungen halfen mir, meinen Weg zu gehen. Diesen Weg wäre ich aber auch bis ans Ende gegangen.

Das heisst, dass Sie gestorben wären. Und Ihre Familie?
Damals war meine Tochter noch ziemlich klein. Für sie war das eine harte Zeit. Heute verstehen mich meine Kinder. Ich habe eben erst mit meiner Tochter gesprochen. Sie will ein Exemplar von meinem Buch.

Bei einem Hungerstreik verweigerten Sie lebenserhaltende Massnahmen und lösten damit eine Diskussion über die Zwangsernährung aus.
Die Schweiz sprach sich in der Folge gegen die Zwangsernährung aus. Das betrachte ich als Sieg. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass die Zwangsernährung auch tödliche Folgen haben kann. Weiter hat jeder das Recht auf Selbstbestimmung. Das war meine Wahl, die respektiert werden musste. Die Ärzte des Unispitals Genf wehrten sich gegen die Zwangsernährung. Einem wurden daraufhin mit Massnahmen gedroht. Er sagte zu mir: «Falls Sie mich ins Gefängnis stecken, mache ich einen Hungerstreik» (lacht).

Rappaz gegen den Rest der Welt. Oder?
Nein. Das Wallis ist ein spezieller Planet. Ich erfuhr schweizweit eine grosse Unterstützung. Ich erhielt Briefe aus allen Regionen der Welt. Ich war nicht allein.

Ihr Kampf war geprägt von Rückschlägen. Immer wieder rannten Sie gegen die Justiz an und verloren.
Rückschläge gehören zum Leben eines Militanten, ich war niemals frustriert. Ich hätte noch mehr Rekurse einreichen sollen, etwa beim europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich bin unschuldig, die Geschichte wird mir Recht geben: Cannabis wird legalisiert werden.

Warum sollte Cannabis legalisiert werden?
Die Kriminalisierung von Hanfkonsumenten unterstützt den Schwarzmarkt und die Tätigkeit der Dealer. Bei einer Legalisierung könnte der Staat jede Menge Geld verdienen und den Markt regulieren. Ausserdem ist aufgrund von Cannabiskonsum noch niemand gestorben, anders als etwa beim Alkohol. Darum arbeitete ich auch nie als Önologe. Ich wollte kein Gift herstellen, das Menschenleben zerstört.

Hassen Sie die Walliser Justiz? Nein. Hass ist ein schlechtes Gefühl. Ich habe eher Mitleid für die Irrwege der Justiz.
Im Mai 2016 läuft Ihre Strafe endgültig aus. Zurzeit dürfen Sie sich in der Schweiz frei bewegen und müssen nicht mehr ins Gefängnis. Was tun Sie? Ich wohne in Saxon in den Räumlichkeiten der Valnaturel AG und versuche, die restlichen Lagerbestände an Hanfisolation zu liquidieren. Die Schweiz ist nun mein Gefängnis. Nach dem Auslaufen meiner Strafe will ich weg, ich brauche Ferien. Ich werde wohl in Nepal ein humanitäres Projekt starten und anschliessend weiter für die Hanflegalisierung kämpfen.


Rhonezeitung, 7.11.2013