Die Todeswette als Geschäftsmodell

Eine Oberwalliser Familie investierte ihre Ersparnisse in ein zweifelhaftes Anlageprodukt.

Auf Anraten eines Versicherungsberaters investierte eine Walliser Familie ihre Ersparnisse in ein zweifelhaftes Anlageprodukt. Die Familie wollte eine seriöse Altersvorsorge, stattdessen wettete sie auf den Tod eines US-Bürgers. Das Resultat: Die Ersparnisse sind weg, der vermittelnde Versicherungsberater wäscht seine Hände in Unschuld.

Vor drei Jahren klingelte bei der Walliser Familie Z.* das Telefon. Der einheimische Versicherungsberater A.* bot seine Dienste an. Die Familie kannte sich in Versicherungsfragen nicht aus und willigte ein, eine Standortanalyse durchzuführen. A. besucht die Familie und erstellt einen umfassenden Vorsorgeplan. «Wir sind eine einfache Familie, wir wollten kein Risiko eingehen», so die Mutter. «A. stellte sich kompetent dar, er versicherte mehrmals, uns eine absolut risikofreie Anlage anzubieten.» Statt in eine risikofreie Versicherung, investierte die Familie aber unwissentlich in eine Todeswette.

Das Modell der Todeswette
Ende der 1980er Jahren hatten viele HIV-Patienten nur noch eine kurze Lebenserwartung, trotzdem war ihr Geldbedarf gross. Findige US Anlageberater entwickelten daraufhin den Handel mit Lebensversicherungen. Das Prinzip: Der verkaufswillige Versicherte stellt seine Lebensversicherung auf einem Zweitmarkt ein. Potenzielle Käufer lassen die Police bewerten und kaufen sie.

Meist erhält der Versicherte dabei einen Betrag, der deutlich über dem offiziellen Rückkaufswert seiner Versicherung liegt. Diese Käufe werden oft von Unternehmen getätigt, sie bündeln die gekauften Lebensversicherungen und verkaufen diese weiter. Ihre Kunden bezahlen dann anteilsmässig die anfallenden Policen, beim Tod der ursprünglich versicherten Person wird die Auszahlung der Versicherung fällig. Die involvierten Unternehmer und ihre Anleger sahnen ab.

Damit erhält das Geschäft einen unmoralischen Beigeschmack. Nur die Versicherungen von Personen mit einer niedrigen Lebenserwartung sind lukrativ, hier müssen nur noch wenige Policen bezahlt werden.

Um auf Nummer sicher zu gehen, lassen die Unternehmen deshalb die Lebenserwartung der Versicherten schätzen. Je niedriger diese ist, umso grösser ist die Gewinnmarge.

Die Familie kennt diese Hintergründe nicht, lässt sich aber dennoch überzeugen. Sie tritt von ihren bestehenden Versicherungen zurück und investiert in das vorgeschlagene Produkt. Er kaufe seit Jahren diese Anlagen, erwähnte A. gegenüber der Familie. Er habe dabei noch nie Probleme gehabt. Die Familie glaubt ihm und investiert ihre gesamten Ersparnisse.

Die Versprechungen sind verlockend: ein sicherer, nicht unwesentlicher Gewinn, kein Risiko. Der Gewinn soll spätestens nach 33 Monaten ausbezahlt werden. Doch die geschätzte Lebenserwartung des US-Bürgers stimmt nicht, dieser lebt noch immer.

Zweifelhafter Anbieter
Familie Z. wartet seit über drei Jahren auf ihr Geld. Statt ihrer Einlage und dem versprochenen Gewinn erhielt sie Nachzahlungsaufforderungen. «In unseren Unterredungen mit A. war niemals von einer Nachschusspflicht die Rede», erklärt die frustrierte Mutter.

Nun wird die Familie misstrauisch, die Rechnungen bezahlt sie auf Anraten ihres Anwalts nicht. Das Resultat kommt postwendend: Ihre Ansprüche seien infolge Nichtbezahlung erloschen, schreibt die Mosaic Caribe LTD., welche der Familie die fragwürdige Versicherung verkauft hatte. Da die betreffende Firma ihren Sitz auf den British Virgin Islands hat, übersteigt der Rechtsweg das Budget der Walliser Familie.

In der Tat eilt der Mosaic Caribe LTD. ein zweifelhafter Ruf voraus. So bestätigt etwa die Meldestelle des «Beobachters», dass die Firma des Öfteren Gegenstand von Nachfragen sei. Und ein Insider im Geschäft mit Lebensversicherungen aus dem Zweitmarkt warnt aufgrund von seinen Erfahrungen vor Investitionen bei der Mosaic Caribe LTD. Diese überprüfe die Lebenserwartung der Versicherten zu wenig.

Ausserdem ist das Unternehmen kein Mitglied der «Life Insurance Settlement Association», einer Vereinigung von Unternehmen, welche Standards für den Handel von Lebensversicherungen aus dem Zweitmarkt eingeführt haben.

Keine Spuren hinterlassen
Das alles wusste die betroffene Familie nicht. Sie vertraute dem einheimischen Versicherungsberater und baute auf dessen Know-how. Gerne würde sie diesen nun verklagen, das dürfte allerdings schwierig werden. Versicherungsberater A. ging vorsichtig zu Werk: Sämtliche Dokumente nahm er nach der Beratung wieder mit. Auf dem unterschriebenen Vertrag fehlt der Name von A. vollständig, eine Verbindung zu Mosaic Caribe LTD. kann ihm nicht nachgewiesen werden. Es steht Aussage gegen Aussage», meint der Familienanwalt.

Dass die Familie erst nach der Kontaktaufnahme durch A. ihre bestehenden Versicherungen gekündigt und zeitgleich mit einem Vorsorgeplan auch in eine Lebensversicherung der Mosaic Caribe LTD. investiert hat, reicht nicht als Beweis. Das weiss auch der Versicherungsberater, der den Kontakt zur Familie schon lange abgebrochen hat. In einem Schreiben an den Familienanwalt nimmt er sich aus der Schusslinie: «Ich hatte keinerlei Vermittlerfunktion.»

Gerne hätte die RA von A. erfahren, wie eine einfache, in Versicherungsfragen überforderte Familie auf die Idee kommen sollte, in den für sie völlig fremden Zweitmarkt mit Lebensversicherungen zu investieren. Notabene mithilfe eines Unternehmens mit Sitz auf den British Virgin Islands. Der Versicherungsberater wollte dazu keine Auskunft geben. Er widmet sich wohl schon wieder anderen Geschäften. Nicht so die betroffene Familie: Ihre gesamten Ersparnisse sind weg, der Berater liess sie im Regen stehen.

Keine Kontrollen in der Schweiz
Im Jahr 2007 erreichte das Geschäft mit den Lebensversicherungen in den USA ein Volumen von 12 Milliarden Dollar. Nach der Rezession und vielen Betrugsfällen schrumpfte der Umsatz im Jahr 2010 auf noch 3,8 Milliarden. Seitdem nehmen die Wetten auf den Tod in den USA aber wieder zu. «Aufgrund der seit Jahren immer wieder an die Finanzmarktaufsicht (FINMA) gerichteten Anfragen ist uns bekannt, dass es in der Schweiz einen Markt für Secondhand-Policen gibt», bestätigt Vinzenz Mathys, Mediensprecher der
FINMA.

Der Handel mit Lebensversicherungspolicen ist in der Schweiz nicht verboten, fällt aber auch nicht unter die Versicherungsaufsicht, Kontrollen gibt es keine. So kann eine Investition gehörig ins Auge gehen, in der Branche tummeln sich auch zweifelhafte Geschäftemacher.

* Namen der Redaktion bekannt


Rote Anneliese, 15. Januar 2015