«Die Walliser Justiz hat Angst»

«Das Gericht will seine Fehler vertuschen», so Fred Reichenbach, Privatdetektiv und Präsident der Stiftung Luca. (Foto: Sacha Bittel, Le Nouvelliste)

Der Fall Luca Mongelli konnte auch nach knapp zwölf Jahren noch nicht abgeschlossen werden. Die Walliser Justiz steht aufgrund von vielen Unstimmigkeiten und Versäumnissen in der Kritik.

Am 7. Februar 2002 fand Tina Mongelli ihren damals siebenjährigen Sohn Luca entkleidet, verletzt und unterkühlt auf einer Wiese in Veysonnaz im Schnee liegend. Seit diesem Vorfall ist Luca Mongelli, der inzwischen wieder in Italien lebt, blind und vom Halswirbel abwärts gelähmt.

Für die Ermittler und die Walliser Justiz war der Übeltäter schnell gefunden: Rocky, der Schäferhund der Familie Mongelli, soll dem Knaben die Kleider weggerissen und ihm die Verletzungen zugefügt haben. Erkenntnisse, die von verschiedenen Seiten in Frage gestellt werden, die Walliser Justiz in eine Ecke drängen und in Erklärungsnot bringt.

Es folgte ein jahrelanger Spiessrutenlauf der Familie Mongelli, eine zermürbende Suche nach Gerechtigkeit. Dabei wird die Familie seit zehn Jahren von Fred Reichenbach, Privatdetektiv, ehemals verdeckter Ermittler bei der Genfer Drogenfahndung und Präsident der Stiftung Luca, unterstützt.

Reichenbach übergab den ermittelnden Behörden viele Hinweise auf vier Jugendliche aus der Region Sitten, die als mögliche Täterschaft in Frage kommen sollen. Hinweise, die nie berücksichtigt wurden. Nun soll eine Klage wegen Mordversuchs den Justizapparat endlich zum Handeln zwingen – zwölf Jahre nach der Tat.


Herr Reichenbach, Sie kritisieren die Arbeit der Ermittlungsbehörden. Was lief schief?
Bereits bei der Spurensicherung am Tatort lief alles schief. Zwei Polizisten schlugen dem ermittelnden Inspektor vor, den Bereich weiträumig abzusperren und die Spuren zu sichern, wie das im Normalfall üblich ist. Der Inspektor sah allerdings den Hund als Täter und verzichtete auf eine professionelle Spurensicherung. Die wichtigen Spuren im Schnee gingen verloren.

Luca wurde ins Spital von Sitten eingeliefert. Hier wurden weitere Spuren verwischt?
Bei Opfern von möglichen Gewalttaten werden die Verletzungen dokumentiert und DNA-Spuren sichergestellt. Lucas Körper wurde dagegen gewaschen. Auch der Anus, in welchem sich eine grüne Flüssigkeit befand, wurde gewaschen. Das hat ein Hirnspezialist gemacht, was jeglicher Vernunft widerspricht. Dieser sagte, er hätte keine speziellen  Substanzen gefunden. Dieser Hirnspezialist ist zudem auch Präsident der ethischen Kommission. Er hätte wissen müssen, wie solche Fälle gehandhabt werden. Ausserdem sagte man dem involvierten Mediziner eine intime Verbindung zu der Mutter eines Beschuldigten nach. Dafür habe ich allerdings keine Beweise, das Gericht sollte seine Arbeit machen.

Hat das Gericht die involvierten Mediziner verhört?
Das Gericht ist nicht auf meine Hinweise eingegangen und hat die Mediziner schriftlich per Fragebogen befragt. So kann man nicht ermitteln.

Sie ermittelten im Fall Luca und nannten den Vorstehenden des Gerichts bereits rund fünf Monate nach der Tat die Namen der möglichen Täter.
Richtig. Im Zuge meiner Recherchen stiess ich auf viele Hinweise, die eigentlich nur einen Schluss zulassen: Die vier Jugendlichen aus dem Raum Sitten sind schuldig. Die Justiz ignorierte diese Hinweise, für sie war der Hund schuld.

Im Mai 2002 erwachte Luca aus dem Koma. Er wurde gefragt, was passiert sei.
Luca sagte sofort, es seien die Typen mit den Ameisen gewesen. Damit meinte er die vier Jugendlichen, welche ihn bereits früher gezwungen hatten, Ameisen zu essen. Seine Aussagen waren klar, er wiederholte sie mehrmals. Das Gericht wollte nichts davon hören.

Stattdessen wurde Luca als unzurechnungsfähig erklärt.
Ein Spezialist bescheinigte Luca eine verminderte Hirnaktivität und erklärte ihn als unzurechnugsfähig. Als Grundlage benutzte der Experte das Dossier, das über Luca erstellt worden war. Der Experte sprach nie ein Wort mit Luca. Ansonsten hätte er festgestellt: Luca ist definitiv zurechnungsfähig.

Die von Luca Beschuldigten stammen aus wohlhabenden, wichtigen Familien.
Ich unterstelle dem Gericht keine Vetternwirtschaft. Ich denke, dass das Gericht versucht, die begangenen Fehler zu vertuschen. Der Staatsanwalt will den Fall klassieren, die involvierten Mediziner möchten nicht belangt werden. Und natürlich wollen die Eltern der Beschuldigten ihre Kinder schützen. Da gibt es einige Interessen.

Luca Mongelli will eine Strafanzeige wegen Mordversuchs einreichen.
Damit würde das Gericht gezwungen werden, die Mediziner und die Eltern der Beschuldigten zu befragen. Es ist traurig, wenn Luca nach zwölf Jahren zu solchen Mitteln greifen muss. Eigentlich wollten die Eltern von Luca das Gericht arbeiten lassen. Das funktioniert aber nicht.

Sie stellen der Walliser Justiz ein schlechtes Zeugnis aus.
Die Walliser Justiz ist nicht per se schlecht. Die Affäre Luca beweist aber: Wenn die Justiz etwas verstecken will, hat sie damit Erfolg. Ein Problem ist vielleicht auch, dass oftmals Leute aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit in verantwortungsvolle Positionen berufen werden. An sich ist das in Ordnung – wenn die Kompetenzen vorhanden sind. Ansonsten entstehen Fehler, wie beim Fall Luca.

Die Justizkommission hat den Fall Luca untersucht…
… und kam zu keinen wesentlichen Ergebnissen. Was denken Sie, warum die Justizkommission im Grossen Rat scherzhaft «Das schwarze Loch» genannt wird? Weil alles verschwindet und nicht wieder erscheint.

Der Fall Luca wird auch in Amerika thematisiert.
Schlichtweg darum, weil die Leute das Vorgehen des Gerichts nicht verstehen. Daneben wurde der Fall Luca auch in Italien zum Politikum. Italienische Politiker forderten Gutachten von italienischen Experten. Diese kamen zum Schluss: Hund Rocky kann nicht der Täter sein.


Rhonezeitung, 27. Dezember 2013