Ein Dorf erlangt traurige Berühmtheit

Traurige Berühmtheit: Der Amoklauf in Daillon wurde europaweit thematisiert.

Am 2. Januar 2013 tötete ein 33-Jähriger auf den Strassen von Daillon drei Frauen und verletzte zwei Männer. Die Einwohner haben den Schock noch nicht überwunden.

Der Himmel ist grau und trüb als ich in Daillon eintreffe. Passend zur tristen Stimmung sind die Dorfstrassen beinahe menschenleer. Kein Lachen, kein lautes Geräusch ist zu hören, die Stille wird einzig durch das Brausen vorbeifahrender Autos unterbrochen. Das Restaurant, wohl einziger Treffpunkt im Dorf, ist schlecht besucht. Die vereinzelt anwesenden Gäste starren schweigend in ihre Gläser, die Erinnerung an den Amoklauf und an die drei Todesopfer ist ein Jahr nach der Tat greif- und spürbar.

Auch auf der Strasse stosse ich auf Zurückhaltung und Unverständnis. Ein Jahr reicht nicht, um ein solch schreckliches Drama zu verarbeiten. Die Fragen reissen kaum verheilte Wunden wieder auf, das ist an den Gesichtern der Einheimischen zu erkennen. Der fragende Journalist ist nicht gern gesehen. «Lassen Sie die Toten ruhen, lassen Sie uns unseren Frieden», weist mich eine Frau zurecht.

Wilde Schiesserei auf den Strassen
Vor rund einem Jahr erlebten die Einwohner von Daillon den wohl
schmerzhaftesten Tag in der Geschichte ihres Dorfes. Ein damals 33-jähriger Mann richtete auf den Strassen des beschaulichen 400 Seelen-Dörfchens oberhalb von Conthey ein Blutbad an. Erst nachdem der Einheimische drei Frauen getötet und zwei Männer verletzt hatte, konnte er von der Polizei aufgespürt und mit Waffengebrauch gestoppt werden.

Obwohl Daillon ein äusserst kleines Dorf ist, hatten die Einsatzkräfte damals mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Aufgrund der Dunkelheit konnte der Täter während einiger Zeit nicht lokalisiert werden, was zum verzögerten Einsatz der Rettungskräfte führte. Schliesslich wurde der Täter aufgespürt, von der Polizei angeschossen und schwer verletzt ins Spital transportiert.

Ein Jahr nach dem Amoklauf stehen die Ermittlungen kurz vor dem Abschluss. Der Schütze, welcher seit der Tat inhaftiert ist, muss mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe rechnen. Gemäss einer Medienmitteilung der Walliser Staatsanwaltschaft vom Dezember 2013 werden noch die Ergebnisse eines Expertenberichts zur Ursache der Schiesserei und zum exakten Tathergang abgewartet.

In einem psychiatrischen Gutachten wird zudem erwähnt, dass der Schütze, welcher seit 2009 unter Vormundschaft lebt, seit Jahren unter psychischen Problemen leidet. Zudem sei der Täter zum Tatzeitpunkt alkoholisiert gewesen.

Waffenarsenal gefunden
Der 33-jährige Schütze benutzte während des Amoklaufs zwei Schusswaffen. Daneben fand die Polizei im Haus des Amokläufers noch ein ganzes Waffenarsenal. So wurden verschiedene Schusswaffen mit entsprechender Munition, Stichwaffen, Pfeile, Beile, Säbel und gar eine Panzerfaust sichergestellt.

Obwohl der Waffennarr als solcher bereits seit dem Jahr 2005 bekannt war, sind sich die Einwohner von Daillon wie auch Christophe Germanier, der Gemeindepräsident von Conthey, sicher: «Die Tat hätte nicht verhindert werden können, mit diesem Drama konnte niemand rechnen.»

«Nichts ist mehr, wie es war»
Etwas später treffe ich in einer kleinen Seitenstrasse eine ältere Frau. «Nichts ist mehr, wie es einmal war», meint sie traurig. «Das Drama hat uns alle verändert. Wir leben weiter, werden diesen Tag aber niemals vergessen können.» Ihre Gedanken seien stets bei den Opfern und ihren Angehörigen, so die Frau weiter. Ob sie auch Mitleid mit dem Täter habe, will ich wissen. Das Gesicht der Frau wird hart. «Dazu äussere ich mich nicht», meint sie und lässt mich stehen.

Trauriger Start in neues Amt
Christophe Germanier, Gemeindepräsident von Conthey, war zum Zeitpunkt des Amoklaufs erst seit zwei Tagen im Amt. Auch er wird den 2. Januar 2013 nicht mehr vergessen. «Es war ein sehr schöner Tag», erinnert sich Germanier zurück. «Ich fuhr mit einigen Kollegen Ski, als ich plötzlich eine Kurzmitteilung von einem Gemeinderatsmitglied erhielt. Darin stand, in Daillon seien Schüsse gefallen. Umgehend verliess ich die Skipiste und machte mich auf den Weg zurück nach Daillon.»

Erinnert sich Christophe Germanier heute an den Tag der Tragödie zurück, spricht er von Tag und Nacht, von Licht und Schatten. «Der Kontrast war extrem, zuerst die Sonne, das Skifahren und dann dieses schreckliche Drama.»

Rund zwei bis drei Kilometer vor Daillon, beim Örtchen Erde, sei die Strasse bereits von der Polizei gesperrt gewesen, erklärt Germanier. «Als Gemeindepräsident durfte ich passieren.» Als er in Daillon angekommen sei, sei der Amoklauf bereits vorbei gewesen, der Täter bereits von der Polizei angeschossen und abtransportiert worden.

«Ich glaube immer noch nicht, was geschehen ist», so Germanier. «Wir sind hier in Daillon, in einem kleinem Walliser Dorf und nicht in Amerika. Man glaubt kaum, dass sowas überhaupt möglich ist.»

Während der zehn folgenden Tage stellte sich Germanier immer wieder den Fragen von Journalisten. «Es war unglaublich wie viele Anfragen ich beantworten musste. Im Vordergrund standen aber natürlich die Zeremonien für die Opfer. Die Angehörigen erfuhren und erfahren eine grosse Solidarität.»

Für den Täter und die Tat empfindet der Gemeindepräsident dagegen «völliges Unverständnis». «Ich kannte ihn nicht persönlich, sein Name war mir allerdings bekannt», so Germanier. Und auf die Frage, was sich seit der Tat für ihn verändert hat, meint Germanier: «Das habe ich schon mehrmals erklärt: Ich werde mich nicht mehr über eine Mauer aufregen, welche die Gemeindeauflagen um einige Zentimeter verletzt. Es gibt Wichtigeres im Leben.»


Rhonezeitung, 9. Januar 2014