Einbürgerungsdossiers setzen Staub an

Die Zahl der hängigen Einbürgerungsdossiers in Biel ist auf über 652 angestiegen. Als Ursachen gelten eine Initiative der SVP, verpasste Chancen beim Einbürgerungstest und das ungebrochene Interesse am Schweizer Pass. Die Verantwortlichen haben reagiert. Im Sommer untersuchte eine externe Firma die Arbeitsabläufe in der Verwaltung, die Resultate sollen dem Gemeinderat bis Ende Jahr präsentiert werden.

Die schäbige Tür öffnet sich zögerlich. Einen Spaltbreit nur, das Quietschen übertönt die Stimmen, die ungefiltert durch papierene Wände tönen. Ein Augenpaar linst misstrauisch durch den Spalt, Pupillen huschen durch das Treppenhaus, mustern die Graffitis und bleiben schliesslich an mir hängen. «Hallo, ich bin der Journalist vom ‹Bieler Tagblatt›.» Die Türe protestiert lautstark, als sie ruckartig aufgestossen wird. Zu viel für die aufgeplatzte Schicht aus Farbe, die irgendwann vor Jahrzehnten aufgetragen wurde. Eine weisse Wolke wirbelt durch die Luft, legt sich auf Augen und Lunge.

«Bitte entschuldige den misstrauischen Empfang», begrüsst mich Rami Tahire*. «Eine alte Angewohnheit, die ich einfach nicht loswerde.» Der ausgebildete Maler grinst, tritt zur Seite. Stolz präsentiert er mir seine Zweieinhalbzimmer-Wohnung. Sie ist alt, aber geschmackvoll eingerichtet. Billige, saubere Möbel, eingerahmte Poster an den Wänden. Ich folge Tahire ins Wohnzimmer.

Auf dem Wohnzimmertisch liegt rotes Papier. Tahires ganzer Stolz, seine «Erlösung», wie er es nennt. Der Grund, weshalb er noch hier ist. Der Grund, warum ich in seiner Wohnung bin. Der Schweizer Pass. Nur ein Stück Papier und doch viel mehr als das. Ein neues Leben.

Ein Spiessrutenlauf
Tahire ist in Nordafrika geboren, als er knapp zehn Jahre alt war, flüchtete seine Familie in die Schweiz. Über die Umstände und die Gründe der Flucht kann er nicht viel sagen – und das will er auch gar nicht. «Auch ohne den Pass fühlte ich mich stets als Schweizer. Hier ist meine Heimat, hier fühle ich mich zuhause.» Tahire absolvierte die obligatorischen Schulen, dann liess er sich zum Maler ausbilden. «Ich habe immer gearbeitet, niemals Sozialhilfe bezogen», sagt er. «Schreib das, als Schwarzer musst du dich erklären. Immer.»

«Endlich wurde ich Schweizer. Das war wie eine Erlösung»
Rami Tahire, eingebürgeter Schweizer

Mit 18 liess sich Tahire einbürgern. «Das war ein Spiessrutenlauf», sagt er heute. «Ich war Dauergast bei der Gemeinde, es brauchte viele Abklärungen.» Den Einbürgerungstest bestand er problemlos, ebenso all die anderen Hürden.

Das Prozedere kostete ihn drei Jahre und «mehrere Hundert Franken.» Dann endlich, an einem «schönen Frühlingstag», wurde Tahire auch auf dem Papier zum Schweizer. «Ich hielt den Pass in den Händen und konnte es kaum glauben.» Er habe einen Freudentanz hingelegt, sich Tränen aus den Augen gewischt. Dann habe er seine Kollegen angerufen und die Nacht durchgefeiert.

Das Glück, zu wählen
Mehrmals betont Tahire, er habe auch vor dem Erhalt des Passes ein gutes Leben geführt. Aber: «Danach wurde alles einfacher. Bei Stellenwechseln stiess ich auf weniger Probleme, ausserdem konnte ich plötzlich reisen, wohin ich wollte.» Als wichtigste Änderung bezeichnet er aber das Wahlrecht. «Plötzlich konnte ich mitbestimmen, war Teil des Ganzen. Das hat mich umgehauen.»

Tahire hat sich schon immer für Politik interessiert. Seitdem er zum Schweizer wurde, liess er keine Abstimmung und keine Wahlen mehr aus. Leute, die nicht wählen, versteht er nicht. «Uns Schweizern ist nicht klar, was für ein Glück wir haben. Wir können mitbestimmen, unsere Stimme erheben und Einfluss auf die Geschicke unseres Landes nehmen. Davon träumen weltweit Millionen von Menschen.» Uns, wir. Tahire ist durch und durch Schweizer, das sei er schon immer gewesen, sagt er.

Ich verabschiede mich von Tahire. Er umarmt mich, dann lässt er mich ziehen. Ich bin bereits im Treppenhaus, als ich erneut das Quietschen der Türe höre. Er schiebt seinen Kopf über das Geländer und ruft: «Manchmal wähle ich auch SVP.» Sein Lachen hallt durch das Treppenhaus. Quietsch, die Türe. Dann ist er weg.

Also erklimme ich erneut die Treppe und frage nach. Tahire lachte nicht über die Partei. Er unterstützte etwa die Verschärfung des kantonalen Einbürgerungsgesetzes. Er will, das nicht jeder die Schweizer Staatsbürgerschaft erhält. Dazu sei diese ein zu grosses Privileg. Tahire lachte, weil er als Schwarzer auch SVP wählt. Er stellt sich die Reaktion der Leser vor. «Wieder ein Klischee gesprengt», sagt er zufrieden.

Einbürgerungsgesetz verschärft
Im November 2013 nahmen die Stimmbürger des Kantons Bern die Initiative der Jungen SVP «Keine Einbürgerung von Verbrechern und Sozialhilfeempfängern» an. Damit wurde das kantonale Einbürgerungsgesetz verschärft. Seitdem können Personen, die rechtskräftig verurteilt wurden, sowie Sozialhilfebezüger, nicht mehr eingebürgert werden. Sowohl die Kantonsregierung als auch der Grosse Rat hatten dazumal empfohlen, die Initiative abzulehnen. Vor allem die Forderung, dass Sozialhilfebezüger generell nicht eingebürgert werden sollen, sorgte für Aufregung. Sie sei nicht konform mit dem Bundesgesetz, hiess es.

Ausserdem sei die gängige Praxis bereits strenger als es der Initiativtext verlange, argumentierten die Gegner der Initiative weiter. So sagte etwa der bernische Polizei- und Militärdirektor Hans-Jürg Käser (FDP) gegenüber dem Regionaljournal Bern, Freiburg, Wallis, in der Praxis werde sich nicht viel ändern, es entstünden aber Umsetzungsprobleme.

Die Folgen der Initiative
Die Umsetzung der Initiative zeigte auch in Biel Wirkung. So gingen die Einbürgerungszahlen sprunghaft zurück, im Jahr 2014 wurden noch 43 Einbürgerungen vorgenommen. Da es sich dabei um eine Verfassungsinitiative handelte, welche sofort in Kraft trat, waren auch viele hängige Dossiers von den strengeren Regeln betroffen.

«Wir müssen die Dossiers schneller bearbeiten»
André Glauser, Leiter der Abteilung öffentliche Sicherheit, Biel

André Glauser, Leiter der Bieler Abteilung für Öffentliche Sicherheit sagt dazu: «Wir mussten alle Personen, deren Verfahren hängig war, neu kontaktieren und ihnen zum Beispiel Fragen zur Sozialhilfe stellen.» In der Folge seien 30 bis 40 Prozent der Dossiers weggefallen, bei vielen hätte es dann aber auch den negativen Entscheid des Gemeinderats gebraucht. «Die Leute verstanden den rückwirkenden Entscheid nicht», so Glauser. «Manche schluckten die Erklärungen, es gab aber auch Beschwerden.»

Auch die Anzahl der Gesuche waren im Jahr 2014 massiv eingebrochen, im Jahr 2015 steigt die Nachfrage nach dem Schweizer Pass dann aber wieder an (siehe Infobox). «Aufgrund der Initiative kommen weniger Leute für eine Einbürgerung in Frage», sagt Glauser. «Trotzdem ist das Interesse am Schweizer Pass wieder angestiegen.»

Die angenommene Initiative hat aber noch weitreichendere Folgen. Da es sich hierbei um ein relativ neues Recht handelt, gibt es immer wieder Unsicherheiten bei der Anwendung der Bestimmungen. «Es gibt noch keine Gerichtsbarkeit», sagt Glauser. «Oft kontaktieren wir den Kanton oder andere Gemeinden, um Rücksprache zu halten.»

Viele hängige Dossiers, lange Fristen
In Biel sind zurzeit über 652 Dossiers hängig. Das hat einerseits mit der Umsetzung der Initiative zu tun. Viele der Dossiers werden komplizierter, es müssen zusätzliche Abklärungen getroffen werden. Andererseits ist Biel die einzige Gemeinde im Kanton, welche die Fragen für den Einbürgerungstest selber verfasst und nicht an eine externe Firma auslagert. «Die Fragen werden im Polizeidepartement erstellt und dann im Team diskutiert», sagt Glauser. Die Gemeinde entschied sich vor allem aus finanziellen Gründen für diese Variante.

Anfangs haperte es aber bei der Erarbeitung dieser Fragen, so das während einiger Zeit keine Einbürgerungstests durchgeführt werden konnten und sich die Dossiers weiter stauten. Wer in Biel ein Einbürgerungsgesuch stellt, muss heute zwischen drei und vier Jahren warten. «Das ist zu lange», sagt Glauser. «Damit sind weder die Antragssteller noch die Verwaltung zufrieden.» Zurzeit setzt die Stadt Biel 150 Stellenprozente zur Bearbeitung der Dossiers ein. Das ist zu wenig. «Es ist unser erklärtes Ziel, schneller zu werden», sagt Glauser. Um das zu erreichen, engagierte die Stadt während dem Sommer eine externe Beratungsfirma, welche die Strukturen, Prozesse und Arbeitsabläufe analysierte. «Die Resultate werden dem Gemeinderat bis Ende Jahr vorgestellt», lässt Glauser durchblicken.

Die Mängel bleiben nicht unbemerkt
Mirjana Kowalski* kommt ursprünglich aus der Ukraine. Seit 16 Jahren lebt sie nun bereits in der Schweiz, ihre Kinder sind hier geboren, sie besitzen also die Schweizer Staatsbürgerschaft. Kowalski wollte sich eigentlich in Biel einbürgern lassen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, wie sie sagt. «Das fing bereits bei den unendlich langen Schlangen im Ausländeramt an.» Sie habe in der Schlange gewartet, als ihr Kleinkind plötzlich urinieren musste. «Hätte ich die Schlange verlassen, wäre ich den Platz los gewesen», sagt die studierte Übersetzerin in fliessendem Deutsch. «Mein Sohn musste in eine Flasche pinkeln.»

«Die Nationalität sollte nicht käuflich sein»
Mirjana Kowalski, Ukrainerin im Einbürgerungsverfahren

Obwohl Kowalski alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einbürgerung erfüllt hätte, gab sie ihre Versuche in Bielschliesslich auf. Aufgrund der langen Wartezeiten bei der Bearbeitung der Dossiers. Vor einigen Jahren zog sie schliesslich in eine andere Berner Gemeinde und begann das Verfahren von Neuem. Dem Einbürgerungsverfahren steht sie zwar nicht ablehnend, aber skeptisch gegenüber. «Die unterschiedlichen Regeln in den Gemeinden sind verwirrend», sagt sie. Trotzdem, sie habe sich an die Schweiz gewöhnt. Nicht nur, weil ihre Kinder hier geboren sind. Ihr professionelles Leben spielt sich in der Schweiz ab, hier leben ihre Kollegen.

Kowalski will sich in ihrer neuen Wahlheimat einbürgern lassen, «damit ich mich freier bewegen kann.» Damit meint sie nicht nur Ferienreisen ohne Visum. «Ich kann nichts dafür, dass ich als Frau in einem armen Land geboren bin», sagt sie. «In der Ukraine haben Frauen nicht viele Möglichkeiten. Ich wollte mehr aus mir machen, mich weiterentwickeln. Ich will mich nicht verstecken.» Ausserdem will die Ukrainerin wählen. «Vor allem die Dinge, die mich persönlich betreffen, etwa Abstimmungen über Gesetze betreffend Kinderkrippen, oder das Burkaverbot.» Bei abstrakten Themen würde sie dagegen nicht wählen, «dazu kenne ich mich noch zu wenig aus.»

«Unnützes Wissen im Test»
Vor Kurzem hat Kowalski erfolgreich den Einbürgerungstest absolviert. «Das war nicht schwierig», sagt sie. Insgesamt empfindet sie den Test als positiv und interessant. Gewisse Dinge müsse man einfach wissen, alles andere sei respektlos. Trotzdem übt sie auch Kritik: «Es ist ein bisschen so, als wolle man sich einen Hund kaufen. Dafür muss man dann zuerst eine Prüfung ablegen.»

Viele der Fragen könnten nicht einmal Schweizer beantworten, erklärt Kowalski und liefert die Beispiele gleich mit: «Welche Flüsse verlaufen komplett in der Schweiz?», «Nennen Sie die längsten Flüsse der Schweiz?» Und so weiter. «Das ist unnützes Wissen», sagt Kowalski. «Schweizer müssen das auch nicht wissen, ich empfinde das als Ungleichbehandlung.»

Kowalski hat den Test von Multimondo absolviert. Das Kompetenzzentrum für die Integration von Migrantinnen und Migranten in der Region Biel, Seeland, Berner Jura bereitet Gesuchsteller auf den Einbürgerungstest vor. «Die Kurse sind gut besucht», sagt Regula Balmer, Bildungsleiterin bei Multimondo. «Es kommen Leute aus dem gesamten Seeland, auch von Biel.» Daneben führt Multimondo die Einbürgerungstests von zahlreichen Seeländer Gemeinden durch – Biel ist die einzige Ausnahme.

Viermal im Jahr führt Biel den Einbürgerungstest durch. Der Nächste findet im November statt, 45 Personen werden dann Fragen zur Schweizer Geschichte, Geografie und zu den politischen Abläufen beantworten. Auch hier sind die Wartefristen lang. 200 Personen erhalten in den nächsten Wochen die Einladung für den Einbürgerungstest 2017.

Rund 100 einbürgerungswillige Personen, die sich zur Absolvierung des Tests in den Jahren 2014 und 2015 angemeldet hatten, haben auf die Zusendung der Einladung für den Einbürgerungstest 2016 nicht mehr reagiert.

Die Kosten der Einbürgerung
Die Kosten, die für die Einbürgerung anfallen, sind nicht einheitlich. Sie variieren je nach Gemeinde und Kanton. Zusätzlich spielt auch das Alter der Antragsteller eine nicht unwesentliche Rolle. Als Richtwerte gelten bis zu 1000 Franken bei der Gemeinde, bis zu 2000 Franken beim Kanton und bis zu 150 Franken beim Bund. Pro Person.

Dazu sagt die Kosovarin Marija Babic*, die seit 15 Jahren in der Schweiz lebt: «Wir sind eine vierköpfige Familie. Wir können uns die Einbürgerung schlichtweg nicht leisten.» Babic empfindet das Schweizer Einbürgerungsverfahren als «Geldmacherei». «Die Nationalität sollte nicht käuflich sein», sagt sie und zuckt mit den Schultern.

* Namen geändert


Bieler Tagblatt, 14. Oktober 2016