Erneute Verhandlung im Fall Brigitte Didier

Vor 26 Jahren wurde die 18-jährige Brigitte Didier in Biel brutal vergewaltigt und erstochen. Jetzt entscheidet sich, ob die Verwahrung des Täters in eine therapeutische Massnahme umgewandelt werden soll.

Steak und selbst gemachte Truffes zum Dessert: Das war das letzte Mittagessen von Brigitte Didier. An weitere Einzelheiten erinnerte sich ihre Mutter nicht mehr, als sie 2005 mit dem «Bund» über den letzten Tag im Leben ihrer Tochter sprach.

20. Dezember 1990. Brigitte Didier verlässt ihr Elternhaus in Tavannes. Die 18-Jährige will nach Biel, sie hat einen Termin beim Zahnarzt. In der Nähe der Reuchenettestrasse wird sie zum letzten Mal lebend gesehen, sie wollte wahrscheinlich per Autostopp nach Hause fahren. Dann verschwand die junge Frau spurlos, sie kam nie mehr nach Hause.

Rund zwei Wochen später fanden spielende Kinder ihre Leiche und meldeten den Fund der Polizei. Brigitte Didier lag unter dem Autobahnviadukt der N16 in Biel, auf Brust und Rücken wies der Leichnam insgesamt zehn Messerstiche auf. Bevor sie starb, war Didier aufs Heftigste gewürgt und danach vergewaltigt worden.

Keine Spur vom Täter
Die brutale Tat sorgte in der gesamten Schweiz für Entsetzen und Anteilnahme. Obwohl die Polizei einen grossen Aufwand betrieb, über 400 Personen verhörte und schliesslich eine Belohnung von 25 000 Franken aussprach, tappte sie lange Zeit im Dunkeln.

Auch das Messer, das in der Nähe des Fundorts der Leiche auf dem Boden lag, lieferte keine auswertbaren Spuren. Das Bild der 25 Zentimeter langen Tatwaffe wurde veröffentlicht und überall in der Region herumgezeigt. Fehlanzeige. Von der Täterschaft fehlte während elf Jahren jede Spur. Erst die zwischenzeitlich gemachten Fortschritte in der Rechtsmedizin, also der neuen Möglichkeit, DNA-Spuren zu vergleichen, führten zur Aufklärung des Falls.

Wunderwaffe der Ermittler
Im Jahr 2001 konnte die Polizei schliesslich zwei Tatverdächtige anhalten und in Untersuchungshaft setzen. Dazu verglich sie DNA-Spuren vom Tatort mit Vergleichsspuren, die sie im Laufe der Untersuchungen bei mehreren möglicherweise in die Tat involvierten Personen entnommen hatte.

Dieses Vorgehen wurde erst durch den Fortschritt der Wissenschaft und durch die damals noch neuen Rechtsgrundlagen betreffend die Auswertung von DNA-Analysen möglich. Einer der Verdächtigen wurde im Februar 2002 wieder auf freien Fuss gesetzt, das Strafverfahren gegen ihn wurde im Mai 2003 aufgehoben. Er war unschuldig, wie sich herausstellte. Der Mann hatte einen Tag vor Didiers Tod Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt, deshalb fanden die Ermittler seine DNA. Nach 60 Tagen Untersuchungshaft brach er sein Schweigen und erzählte den Ermittlern von der Liaison.

Dagegen erhärtete sich der Verdacht gegen einen heute 48-jährigen Seeländer. Der Mann befand sich zum Zeitpunkt des erstmaligen Verdachts bereits in Haft – wegen eines Tötungsdelikts in Biel, für das er 1999 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war. Er musste sich vor dem Kreisgericht Biel-Nidau verantworten, das ihn schlussendlich für schuldig befand.

Das Urteil wurde vom Berner Obergericht im Jahr 2006 bestätigt, welches den Täter des Mordes schuldig sprach und ihn zu lebenslangem Zuchthaus verurteilte. Ausserdem musste der Verurteilte je 55 000 Franken Genugtuung an die Eltern von Brigitte Didier bezahlen. Während der Verhandlung zweifelte die Verteidigung immer wieder die DNA-Analysen an, dies vor allem, weil das Verfahren damals noch ziemlich neu gewesen sei. Das Gericht entschied, dass der DNA-Vergleich für eine Verurteilung ausreicht. Damit wurde die Causa Brigitte Didier zum Präzedenzfall in der Rechtssprechung der Schweiz.

Rückfallgefahr vorhanden
Der damalige Gutachter Frank Urbaniok konnte beim Täter zwar weder eine Persönlichkeitsstörung oder eine andere psychische Erkrankung feststellen. Trotzdem wurden in der Persönlichkeit des Täters einen «psychopathisch-gewalttätigen und sexuell devianten Teil» diagnostiziert. Die Rückfallgefahr wurde entsprechend als hoch eingeschätzt, die Chancen, den Täter erfolgreich zu therapieren, wurden als gering erachtet.

In der Zwischenzeit stellten die Strafvollzugsbehörden beim Gericht das «Gesuch um Umwandlung der Verwahrung in eine stationäre therapeutische Massnahme». Die entsprechende Verhandlung findet am 20. Dezember vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland statt. Dazu wird ein Kollegialgericht in Fünferbesetzung unter der Leitung von Gerichtspräsident Markus Gross aufgeboten. Gross hatte bereits die Verwahrung des Täters verfügt.

Stationäre Massnahme
Stationäre therapeutische Massnahmen verfolgen einen doppelten Zweck. Einerseits soll die Allgemeinheit vor verurteilten, psychisch schwer gestörten Personen geschützt werden. Andererseits soll mit der Massnahme die angemessene Behandlung oder Pflege sichergestellt und damit auch der Rückfallgefahr begegnet werden.

Voraussetzung für die Anordnung einer stationären Behandlung ist gemäss Strafgesetzbuch, dass das begangene Delikt mit der psychischen Störung in Zusammenhang steht und zu erwarten ist, «dass mit einer stationären therapeutischen Behandlung weitere Delikte vermieden werden können». Derartige Behandlungen können in einer psychiatrischen Klinik oder in einer Massnahmevollzugseinrichtung vollzogen werden. Bei Fluchtgefahr oder der Gefahr von weiteren Straftaten wird die Behandlung in einer geschlossenen Einrichtung durchgeführt.

Fall wird erneut aufgerollt
Nach dem Gesuch durch die Strafvollzugsbehörden wird das Regionalgericht den Fall Brigitte Didier also zumindest am Rande erneut aufrollen müssen, die psychische Gesundheit des Täters wird dabei im Mittelpunkt stehen. Die Angehörigen von Brigitte Didier werden das nicht gerne sehen. Der Mann müsse lebenslang verwahrt werden, forderte die Mutter von Brigitte beim Prozess vor dem Kreisgericht Biel-Nidau. Der Vater erklärte, man müsse den Täter lebenslang aus dem Verkehr ziehen.

Das «Bieler Tagblatt» wird an der Verhandlung anwesend sein und über den Entscheid des Gerichts sowie über die Auswirkungen auf das Strafmass berichten.

Hier finden Sie den Prozessbericht.


Bieler Tagblatt, 14. Dezember 2016