Exorzismus im Wallis: Teufel, Dämonen und Austreibungen

Fest in der Hand des Teufels: Im Wallis gibt es immer wieder Exorzismus-Anfragen.

Seit der Antike praktizieren Exorzisten das Austreiben von Teufel und Dämonen. Der Dämonenglaube und das Austreibungs-Ritual blieben bis heute erhalten und werden im Wallis noch immer angewandt.

Abseits dem Trubel von Sitten, auf einem kleinen grünen Hügel, erhebt sich das St. Ursulinenkloster. Ein imposantes Gemäuer, ein Kloster wie aus dem Bilderbuch: Die andächtige Stille auf den eher düsteren Korridoren wird nur von den gelegentlichen Schritten der Ursulinen-Schwestern durchbrochen.

Hinter den Mauern dieses Klosters befindet sich ein Raum, der von Pfarrer Philippe Aymon als Besprechungszimmer genutzt wird. Der Geistliche der Gemeinde Troistorrent kümmert sich hier auf spezielle Art und Weise um das Seelenheil von gläubigen Christen. Pfarrer Aymon ist seit acht Jahren als Exorzist tätig und führt in dieser Funktion zusammen mit einem Diakon Dämonenaustreibungen durch.

Der Unterwalliser Geistliche, traditionelles Priestergewand und weisser, steifer Kragen, wirkt herzlich. Man mag kaum glauben, dass er im Stande sein soll, Dämonen und Geistern das Fürchten zu lehren. «Im Bistum von Sitten gibt es keinen offiziellen Exorzisten», erklärt Aymon, lehnt sich in seinem Ledersessel zurück und streicht sich durch den weissen Bart. Die Szenerie erinnert an einen Arzttermin. «Trotzdem gibt es viele Anfragen von Gläubigen. Um diese kümmern wir uns.»

Die Arbeit eines Exorzisten
Exorzisten und ihre Tätigkeit sind von fantastischen Geschichten umwoben. Nicht zuletzt sei dies auch den Filmen zu verdanken, die das Thema behandeln. «Die dargestellten Szenen entsprechen nicht der Realität, sie blenden viel aus», so Aymon. «In den Filmen wird spektakulär der Höhepunkt eines Exorzismus, also die direkte Konfrontation mit dem Dämon, dargestellt. Dabei reicht die Arbeit eines Exorzisten viel weiter.»

Der Walliser Exorzist: Philippe Aymon, Pfarrer der Unterwalliser Pfarrei Troistorrent, kümmert sich seit acht Jahren um das Austreiben von Dämonen.

Diese beginnt ganz simpel mit aktivem Zuhören und dem Stellen von Fragen. «Ich muss zuhören und das Problem eruieren», so Aymon. «Bei den wenigsten Anfragen führe ich einen wirklichen Exorzismus durch, manchmal reicht ein einfaches Gebet, oft muss die betroffene Person an eine Fachperson aus dem Bereich der Psychiatrie vermittelt werden. In meinen acht Jahren als Exorzist habe ich im Wallis fünfmal einen echten Exorzismus durchgeführt», blickt Aymon zurück. «Zweimal bei Gebäuden und dreimal bei Personen.»

«In acht Jahren habe ich fünfmal einen echten Exorzismus durchgeführt. Zweimal bei Gebäuden und dreimal bei Personen.»
Philippe Aymon, Pfarrer und Exorzist

Diese Fälle seien sehr speziell gewesen. Die Personen seien in der Tat von einem Dämon besessen gewesen, meint Aymon nachdenklich. Die echte Besessenheit bemerke man dabei relativ schnell. «Ich mache einen Check, wie dies auch ein Arzt tun würde.» Wie reagiert die Person auf ein Gebet? Wie auf die heilige Kommunion? Die Reaktion der besessenen Person sei dabei ausschlaggebend: Schockstarre, unerklärliche Kraftausbrüche oder das Reden in fremden Sprachen: «Diese Dinge existieren», versichert Aymon. «Ich habe das selbst miterlebt.»

Stellt der Walliser Exorzist eine Besessenheit fest, muss er den Bischof informieren. Ohne dessen Erlaubnis darf kein Exorzismus durchgeführt werden. So steht es im Kirchenrecht. Erst nach der Erlaubnis des Bischofs, welcher von Amtes wegen selber auch Exorzist ist, führt Aymon dann den eigentlichen Exorzismus durch. Das Ritual wird dabei nach einem strengen Muster abgehalten: Es werden verschiedene Gebete gesprochen, die Christus auffordern, den Dämon aus dem Körper des Besessenen zu vertreiben. «Nützt dies alles nichts, spreche ich Machtworte», erklärt Aymon seine Tätigkeit. «Ich wende mich dann direkt an den Dämon und befehle ihm, den Menschenkörper zu verlassen.» «Verlasse diese Person! Weiche! Ich vertreibe dich!», sei in etwa der Inhalt des speziellen Exorzismus-Gebets.

«Verlasse diese Person! Weiche! Ich vertreibe dich!»
Philippe Aymon, Pfarrer und Exorzist

Dieses und ähnliche Gebete, sowie der Ablauf des gesamten Exorzismus-Rituals sind in einem Leitfaden beschrieben. «Der Leitfaden wird vom Vatikan veröffentlicht. Nur die Bischöfe dürfen diesen anfordern und an die jeweiligen Fachpersonen weiterreichen», lässt Aymon durchsickern. Damit wolle die Kirche Missbräuche verhindern. Ausserdem dürfe der Ritus weder gefilmt, fotografiert, noch sonstwie festgehalten werden. Auch die Mitnahme von Journalisten sei tabu.

Der Vatikan verteilt einen Leitfaden für Exorzismus. Für die Öffentlichkeit ist er tabu.

Eine offizielle Ausbildung zum «Fachmann Exorzist» gibt es nicht. Philippe Aymon erlebte im Alter von 26 Jahren in Frankreich zum ersten Mal einen Exorzismus mit, arbeitete sich in die Materie ein und sammelte weitere Erfahrungen. Dann kam Aymon ins Wallis, nach Troistorrent. «Der Bischof wusste, dass ich mich auskenne», so Aymon. «Er vertraut mir nun bereits seit acht Jahren.»

Nachfrage steigt
Obwohl man meinen könnte, dass der Exorzismus und seine Rituale längst ein alter Zopf sind und im 21. Jahrhundert als Aberglaube und Märchen abgetan werden, scheint dem nicht so. Genau wie im Wallis steigen die Exorzismus-Anfragen auch im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg, dem einzigen Schweizer Bistum mit einer offiziellen Exorzismusstelle. Auch in der übrigen Schweiz, ganz zu schweigen von Italien, wird das Bedürfnis nach dem Exorzismus wieder grösser.

So fordert auch der konservative (und umstrittene) Domherr des Bistums Chur, Christoph Casetti, mehr Exorzismusfachleute. «Es gibt in jedem Bistum Menschen, die sich von bösen Mächten bedrängt fühlen und Hilfe suchen», erklärt Casetti gegenüber der RZ. Weiter sei auch der Satanismus auf dem Vormarsch. Angesichts des Glaubensverlusts und der Ausdünnung des christlichen Milieus würden in unserer Gesellschaft verstärkt Besessenheits-Phänomene auftreten. Dies erkenne er an der zunehmenden Nachfrage nach dem Befreiungsdienst, meint Casetti.

Die Leiden werden durch Dämonen verursacht. Viele Walliser/innen glauben daran.

Dient der christliche Glaube also als Bollwerk gegen alles Böse? Geistliche Krieger, die im Namen des Herrn Dämonen bekämpfen? Gebete gegen Geister? Vielen ist das zu abgehoben, zu fantastisch. Natürlich gibt es Kritiker.

«Die entscheidende Frage ist, ob man mit der Existenz von bösen Mächten rechnet oder nicht», sagt Casetti. «Wer die Frage verneint, muss eine natürliche, in der Regel medizinische These vertreten.» Da wäre sie also, die alte Zwickmühle: Wissenschaft oder Glaube?

Scheinlösung Exorzismus?
Egal ob man den Lösungen der Kirche oder denjenigen der Wissenschaft mehr Vertrauen entgegenbringt, Fakt ist: Geistliche, die Exorzismen durchführen, haben eine grosse Verantwortung. «Beim Exorzismus braucht es viel Fingerspitzengefühl», ist sich Philippe Aymon bewusst. «Die Grenze zwischen Besessenheit und psychischer Erkrankung ist schmal, oft muss ich hilfesuchenden Gläubigen ans Herz legen, Fachpersonen aufzusuchen.» Indes sei er kein Mediziner, er könne den Gläubigen nur Fachstellen empfehlen, sie aber zu nichts zwingen.

«Trotzdem gibt es Probleme, die kein Mediziner heilen kann», ergänzt Aymon. So kümmere er sich zum Beispiel alle drei Wochen um einen Gläubigen, der während der Einnahme der Kommunion unerklärliche Symptome zeige. «Dafür schämt er sich. Die Wissenschaft kann ihm nicht helfen», so Aymon. Auch Casetti schlägt in die gleiche Kerbe: «Im Befreiungsdienst der katholischen Kirche wird die medizinische Seite auch immer angeschaut. Viele Bedrängte waren schon bei mehreren Ärzten, die ihnen aber nicht helfen konnten.»

Stefan Margelist, Bischofsvikar von Sitten, sieht die Sachlage differenziert: «Ich schliesse nicht aus, dass es Dämonen gibt und den Exorzismus braucht. Viele Menschen hoffen aber auf die schnelle Lösung und wollen mit dem Besuch bei einem Exorzisten den Arzt umgehen. Sie hoffen auf Wunder, das kann gefährlich sein. Ich stehe diesem Trend skeptisch gegenüber.» Immerhin anerkennt die Kirche den Nutzen der Medizin. Das hat früher anders ausgesehen.

Psychische Erkrankung oder Dämon?
«Besessenheitszustände sind psychologische Phänomene. In ihren pathologischen Ausprägungen werden sie, nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, den dissoziativen Störungen zugeordnet», erklärt Reinhard Waeber-Kalbermatten, Chefarzt des Psychiatriezentrums Oberwallis. So sieht der Fachmann den Exorzismus auch nicht als Alternative zur Psychologie.

«Wenn es sich um eine psychische Störung handelt, gehört sie in die Hände gut ausgebildeter Psychotherapeuten. Ein Blinddarm kann auch nicht ‹exorziert› werden.» Den Anstieg der Exorzismus-Anfragen erklärt sich Waeber-Kalbermatten mit dem «Leben in einer Zeit des grossen Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung.» Menschen würden sich entsprechend Hilfe bei den verschiedensten Stellen suchen. «Einen ähnlichen Zulauf wie beim Exorzismus verzeichnen offensichtlich auch esoterische und paramedizinische Behandlungseinrichtungen», sagt Waeber-Kalbermatten.

Exorzismus im Wandel der Zeit
Dämonenaustreibungen werden erstmals im neuen Testament erwähnt. Die Dämonen werden hier als «Beherrscher der finsteren Welt» bezeichnet. Speziell im Markusevangelium treten Christus und später auch seine Jünger oft als Exorzisten auf, treiben Geister und Dämonen von besessenen Personen oder Orten aus und vollziehen so wundersame Heilungen.

Der christliche Glaube setzt den Glauben an Dämonen voraus. «Jesus befreit viele Besessene. Es geschah massenweise und öffentlich» (Mt 4, 2325, Lk 6, 17-19) oder «Jesus trieb sieben Dämonen aus Maria aus Magdala aus» (Mk 16, 9.), sind nur zwei Beispiele, die von Austreibungen erzählen. Im neuen Testament gibt es zahlreiche solcher Textstellen.

Der Exorzismus ist aber keine Erfindung des Christentums. Auch im Islam, im Judentum und im alten Orient, wurde und wird Exorzismus praktiziert. Daneben kennen auch viele heidnischen Glaubensrichtungen den Exorzismus. Oft kommen hier Magier, Zauberer, Hexer oder Schamanen zum Einsatz.

Der Exorzismus und die Kirche
Den Exorzismus kennt die katholische Kirche im Rahmen ihres Befreiungsdienstes. Und sie fördert ihn: So gibt es etwa im Vatikan einen freiwilligen Lehrgang für angehende Exorzisten sowie internationale Exorzistentreffen. Ausserdem beschäftigt die Dioziöse Rom mit Pater Gabriele Amorth einen Exorzisten, der oft als «Chefexorzist» betitelt wird.

Neben Amorth gibt es alleine in Italien weit über 300 Exorzisten, die sich dem Kampf gegen das Böse verschrieben haben. Da selbsternannte Exorzisten und Seelenheiler die Kirche in der Vergangenheit in Verruf gebracht haben, brauchen Exorzisten heute die Erlaubnis des zuständigen Bischofs, bevor ein Ritual vollzogen werden kann. Weiter verlangt das Kirchenrecht, dass nur erfahrene Priester diesen Dienst ausüben dürfen. Damit will man Missbräuchen und Skandalen vorbeugen.


Rhonezeitung, 8.5.2014