Flüchtling oder Tourist?

«Nirgends strapaziert sich der Mensch so sehr, wie bei der Jagd nach Erholung.» Das Zitat des irischen Schriftstellers Laurence Sterne im Kopf, sprachen meine Freundin und ich über unsere Ferien.

Der Besuch eines Festivals in Deutschland, dann mit dem Auto durch Belgien und Frankreich. «So, fertig geplant. Lass uns knutschen», meinte sie. Der Kuss dauerte deutlich länger als unsere Planungssitzung.

Kurz vor der Abfahrt überprüften wir unser Reisebudget: Ebbe im Geldbeutel. Also disponierten wir um und suchten den kürzesten Weg zum Strand: Genua. Ein schönes Dorf in der Nähe: Varigotti. Nichts wie hin.

Varigotti war toll: 800 Einwohner, schöner Strand, kein Massentourismus. Zur Entlastung unseres begrenzten Budgets tranken wir jeweils am Vormittag Cocktails. Dazu gab es tonnenweise Häppchen. Dankbar griffen wir zu und schlugen uns die Bäuche voll. So ging das jeden Tag, beim Cocktail trinken holten wir uns unsere Tagesration Nahrung ab.

Das Zelt bauten wir am Strand auf, zwei Meter vom Meer entfernt. Meeresblick, romantisches Rauschen, alles umsonst. Wild campieren nennt sich das.

Dabei lauern aber auch Gefahren: Ein Einheimischer wollte uns die Fremdenpolizei auf den Hals hetzen. Er dachte wohl, wir seien Flüchtlinge. Da wir keine Lust auf Abschiebehaft hatten, zeigten wir ihm unsere Pässe. Sofort kam sie zurück, die italienische Gastfreundschaft. Er schenkte uns eine Flasche Chianti.

Nach drei Tagen kannte uns das gesamte Dorf. Schaulustige belagerten unser Zelt, wir lächelten in Kameras und drückten Hände. Aufgrund unseres steigenden Bekanntheitsgrades verlor meine Freundin während der letzten Nacht kurz die Nerven. Sie hörte draussen merkwürdige Geräusche. Ich versuchte sie zu beruhigen, da lief in ihrem Kopf aber bereits ein ziemlich schrecklicher Horrorfilm. Abgetrennte Köpfe, Kellerverliese und hinkende Hinterwäldler mit Motorsäge. Sie wies mir einen Wachposten zu. Bewaffnet mit Sackmesser, Taschenlampe und Chianti stand ich im Sand und blickte aufs Meer. Sie hockte im Zelt und wartete auf das Erscheinen des Psychopathen.

Trotzdem erholten wir uns prächtig. Eine Woche lang lebten wir am Strand: Romantische Abenteuerferien nennen wir das. 200 Franken, alles inklusive.