Mein erstes Mal – in Biel

Der richtige Mitbewohner ist mehr als die halbe Miete.

Seit Kurzem lebe ich in Biel. Ich hatte von der Stadt gehört: zweisprachig, See, hohe Kriminalitätsrate. Der perfekte Ort für einen Journalisten.

Meine Mutter sah das anders. Nächtelang hörte ich mir ihre Sicherheitshinweise an, nahm Pfefferspray und Verhaltenstipps entgegen. Sie zeigte mir auch die Internetseite eines Kampfsportvereins. Ich kochte ihr einen Tee. Dann standen die Wohnungsbesichtigungen an. Am Bahnhof wurde ich von Strassenmusikanten freundlich begrüsst. Dankbar liess ich mein Kleingeld zurück, auch Mutters Pfefferspray wechselte den Besitzer.

In der Altstadt hatte ich mich mit Lena zur Wohnungsbesichtigung verabredet. Lena arbeitet als Polygrafin und engagiert sich kulturell. «Das passt», war ich mir sicher. Es passte nicht. Lena ist aussergewöhnlich klein und hat kein Problem mit der niedrigen Decke ihrer Wohnung. Ich hingegen schon. Ich will meine Wohnung nicht jeden Tag auf Knien betreten, das mache ich nur am Wochenende.

Mein nächster potenzieller WG-Partner hiess Michael. Er sei Christ und suche einen Partner zum Beten, erklärte er. Im Gespräch erwähnte Michael auch die Kriminalitätsrate. Diese sei für mich kein Problem, nur kleine Frauen müssten in Biel Angst haben. Da war ich richtig erleichtert. Dann dachte ich an Lena. Ich hätte ihr den Pfefferspray schenken sollen.

Die dritte Wohnungsbesichtigung lief rasant ab. David hatte per Anzeige einen Mitbewohner gesucht. Kaum die Wohnung angeschaut, standen wir wieder auf der Strasse. Er müsse bei Freunden eine Party organisieren, so David. Kurz darauf stand ich in einer Wohnung, die eben komplett ausgeräumt wurde. «Die Gäste brauchen Platz zum Tanzen», erklärte der Hauptmieter. Das beeindruckte mich schwer. Aber ich machte mir auch Sorgen, wegen den Möbeln auf der Strasse. Was, wenn einer kommt, der die hohe Kriminalitätsrate mitgestaltet? Niemand hörte auf mich. An der Party beschlossen David und ich zusammenzuziehen. Gemeinsam trugen wir meine neuen Möbel nach Hause.