Wände, die die Welt bedeuten

Ein Blick durch das Schlüsselloch, hinein in eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft.

Pionier, Vorreiter, notorisch frühreif: Mein Kollege David ist immer der Erste. Während andere Kinder in seinem Alter freudig in die Windeln drücken und froh sind über das zusätzliche Polster am Hinterteil, läuft er mit dem vollen Töpfchen durch die Gegend und präsentiert seine Meisterleistung.

Mit 17 zieht David weg. Er verlässt Hotel Mama, wechselt den Kanton und suhlt sich in seiner Unabhängigkeit. Seine Mutter weint. Auch für den Rest der Welt wird es nicht einfacher. Seine Prahlerei und die bemitleidenden Blicke sind nur schwer zu ertragen. Jaja, du hast eine Wohnung, wir nicht.

Wir, das sind Martin, Melanie und ich. Wir sind Praktikanten, verdienen kaum Geld und finden keinen bezahlbaren Wohnraum. Also nimmt uns David auf, aus Gutmütigkeit vermutlich.

Zuerst mich. Anfangs schlafe ich im Schlafsack auf dem Boden. Mein Bett hat den Umzug nicht überlebt – und neue Betten sind teuer. Kleiderschrank, Schreibtisch, Kommode? Mein Budget schüttelt den Kopf, das Zimmer bleibt leer. Dafür klettern an der Wand zwei Kleidertürme. Der Schmutzturm nach oben, der saubere nach unten.

Dann kommt Martin, ein Mann wie ein Bär. Mangels freier Zimmer nächtigt er auf dem Sofa. Wenn er schläft, verschwindet das Möbelstück unter seiner Masse. Martin hat kein leichtes Los. Sein Schlafzimmer ist zugleich Wohnzimmer, Dreh- und Angelpunkt der Wohnung. Wenn er seine Augen schliesst, fallen wir anderen ein, stolpern über Teile seines Körpers und berauben ihn seiner Träume. Rücksichtslos. Aber Martin packt das schon, er ist schliesslich nicht aus Zucker. Sorgen bereitet uns dagegen unser Sofa, der Bär schläft es auf den Sperrmüll.

Eines Tages steht Melanie an der Tür. Im Schlepptau: eine Kiste Alkohol und ein Bett. Ich finde das sympathisch. Ich habe den Raum. Sie hat das Bett und die Drinks. Sie zieht ein. Jetzt schlafen wir im selben Bett und lernen uns so besser kennen. Nicht so, wie Sie jetzt denken. Zum Einschlafen erzählen wir uns Geschichten aus dem Leben, kleine Geheimnisse. Oft bis tief in die Nacht. Das Bett machts möglich, der Alkohol hilft dabei.

Nun wohnen wir zu viert in einer Dreizimmerwohnung. David hat immer noch ein eigenes Zimmer. Das ist unser Zugeständnis an ihn, er braucht seine Komfortzone. Aber auch er bedient sich an Melanies Alkoholvorrat. Um sich die Umstände schönzutrinken. Aus der Übergangslösung ist eine fröhliche Wohngemeinschaft geworden: Wir haben einander gefunden. Gemeinsam verfluchen wir unsere Praktika und feiern unsere Unabhängigkeit. Nur David sehnt sich nach dem Hotel Mama.