«Heute setze ich meinem Leben ein Ende»

2015 haben sich im Wallis 87 Menschen das Leben genommen. Ein Jahr zuvor waren es 67.

Obwohl der offene Umgang mit Suizid als beste Prävention gilt, wird das Thema oft als Tabu behandelt. Zwei Frauen berichten von ihren Erfahrungen: Eine Angehörige über den Verlust ihres Mannes, eine Direktbetroffene über den Versuch zu sterben und über das Glück, noch am Leben zu sein.

Im Frühling 2014 kann Kareen nicht mehr. An einem Samstag wacht sie auf und weiss: «Heute ist es soweit, heute sterbe ich.» Sie verlässt ihr Bett, schreibt einen Abschiedsbrief und verlässt das Zimmer. Beim Verlassen des Gebäudes wird sie von einer Angestellten der psychiatrischen Klinik angesprochen. Es gehe ihr gut, lügt Kareen. Sie sei auf dem Weg ins Nebengebäude, das Frühstück warte. Sie hat andere Pläne. Zielstrebig verlässt sie das Klinikareal. Ihr Ziel: eine unübersichtliche Stelle auf den SBB-Geleisen. Kareen legt sich auf die Geleise, sie kennt den Fahrplan der Züge. «Der Zug überrollte mich mit 140 Kilometern pro Stunde. Ich spürte den Fahrtwind, hörte das Brausen. Ich blieb bei Bewusstsein. Ich überlebte.» Kareen verliert drei Finger und beide Füsse. «Nein! Ich lebe noch!», sei ihr erster bewusster Gedanke gewesen.

Zuhören, ernst nehmen, klar ansprechen
Viele Personen, die den Freitod wählen, kündigen ihre Absicht an. «Wer von seinen Schwierigkeiten und Problemen erzählt, von seinem Leid oder von Suizid spricht, will gehört werden, sucht Hilfe. Die betreffende Person hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben», erklärt Georges Klein, Chefarzt der psychiatrischen Abteilung im Spital Malévoz. So war es auch bei Kareen. Sie erzählte Ärzten, Kollegen und ihrer Familie von der Absicht, sich selbst zu töten. Obwohl ihr Umfeld reagierte, setzte sie ihr Vorhaben nach einem Schicksalsschlag in die Tat um. «Ein persönliches Erlebnis brachte das Fass zum Überlaufen. Danach wollte ich sterben, sah keinen Ausweg mehr.» Damit gehört Kareen zu den 90 Prozent derjenigen, die ihren Entscheid zu sterben innerhalb von 24 Stunden in die Tat umsetzen. «Das ist eine sehr kurze Zeitspanne. In diesen Fällen kann das Umfeld meist nichts tun, um den Suizid zu verhindern», so Klein.

Trotzdem ist das Umfeld von suizidgefährdeten Menschen nicht machtlos. Kündigt eine Person Suizidabsichten an, muss dringend direkt nach Suizidgedanken und -fantasien, Hoffnungslosigkeit und Zukunftsaussichten gefragt werden. Je konkreter die betroffene Person darüber Auskunft geben kann, wie, wo und wann sie sich das Leben nehmen möchte, desto grösser das Suizidrisiko. Es stimmt nicht, dass solche Gespräche betroffene Personen erst recht in den Freitod treiben. Vielmehr wirkt das Sprechen über Suizidgedanken entlastend. Bei einem entsprechenden Verdacht sollten Laien zudem professionelle Auskünfte einholen, etwa bei entsprechenden Telefonhotlines, dem Hausarzt, einem Psychiater oder Psychotherapeuten.

Hilfe suchen
Befindet sich jemand in einer Krise, kann das viele Ursachen haben. Persönliche oder finanzielle Schwierigkeiten, Gewalt oder Sucht sind nur einige davon. Personen, die sich in einer solchen Krise befinden, sind oft traurig oder kämpfen mit einer gedrückten Stimmung. Sie haben das Gefühl, in ihrem Leben versagt zu haben und werten sich selbst ab. «Da ist dieser grosse, unsichtbare Schmerz in der Seele, den du gut verstecken kannst», erklärt Christelle Bregy-Rey von der Vereinigung Gang Nit/Pars Pas. «Die betroffene Person sieht alles negativ, der Schmerz wird mit der Zeit immer grösser. Mit dem Suizid wollen sich betroffene Personen diesem Schmerz entziehen.»

Die Vereinigung Gang Nit hat eine Telefonhotline und eine Angehörigengruppe eingerichtet, um betroffenen Menschen oder Angehörigen zu helfen. «Die Anrufe sind anonym. Wir sind keine Psychiater, damit läuft das Gespräch auf gleicher Ebene ab.» Gang Nit gibt den Anrufern keine Ratschläge, die Mitarbeitenden hören zu, stellen Fragen und versuchen, Alternativen aufzuzeigen. Ausserdem motivieren sie die Anrufer, Fachpersonen aufzusuchen. Im Jahr 2015 bearbeitete die Vereinigung rund 220 Situationen. «Suizid ist ein Tsunami», erklärt Bregy-Rey. «Jeder Suizid lässt sechs bis zehn traumatisierte und dreissig betroffene Menschen zurück.» Aus diesem Grund organisiert Gang Nit Angehörigengruppen, die sich einmal im Monat in Brig, Sitten und in St-Maurice treffen und von einer Fachperson geleitet werden. Bei dieser Zusammenkunft bietet sich die Gelegenheit, Menschen zu treffen, die auch einen Angehörigen durch Suizid verloren haben.

Unerwartet in den Freitod
Es gibt auch Menschen, die ohne jegliche Ankündigung freiwillig aus dem Leben scheiden. So wie Simon*. Nach einem schweren Autounfall kämpft er mit den gesundheitlichen Folgen einer Kopfverletzung. Seine Frau Bernadette* sagt heute: «Nach dem Unfall war er nie mehr derselbe, er konnte nicht mit seiner beeinträchtigten Gesundheit leben. Simon hatte Angstzustände, er war nicht mehr gerne alleine.» Trotzdem rechnet sie nicht mit seinem Suizid, es gibt keine konkreten Anzeichen. Auch nicht kurz vor der Tat.

Ein Tag nach seinem Geburtstag erschiesst sich Simon im Keller des gemeinsamen Hauses. Bernadette hat das Haus nur kurz verlassen. Als sie zurückkommt, brennen alle Lichter. Ihren Mann findet sie schliesslich im Keller. Er liegt in seinem Blut, daneben ein Gewehr. Sie informiert ihre Familie, dann bricht sie zusammen.

Das Schreckliche verarbeiten
Im kleinen Heimatdorf kann Bernadette den Freitod ihres Mannes nicht geheim halten. Das will sie auch gar nicht. «Ich weiss, warum er diesen Weg gewählt hat. Ich habe ein gewisses Verständnis für seine Tat.» Ihre Offenheit und die regelmässigen Besuche bei einem Psychiater helfen ihr bei der Verarbeitung. Fünf Jahre nach Simons Suizid schafft es Bernadette mithilfe des Fachmanns, den Keller erneut zu betreten. Lange sucht sie seinen Abschiedsbrief. Es gibt keinen. «Das war besonders hart», so Bernadette. «Immer wieder analysierte ich die früheren Aussagen von Simon. Viele sehe ich heute in einem anderen Licht. Bei der Grabpflege meiner Eltern fragte er mich, ob ich später sein Grab auch pflegen würde. Natürlich hinterfragt man solche Aussagen im Nachhinein.»

Der Freitod von Simon liegt über zehn Jahre zurück. Trotzdem erinnert sich Bernadette an jedes Detail «als ob es gestern gewesen wäre.» Abgesehen von einer kürzlich erlebten Panikattacke geht es Bernadette gut. «Ich rate allen betroffenen Angehörigen, Hilfe zu suchen und wenn möglich, offen zu sein. Es hilft, über den Suizid eines geliebten Menschen zu sprechen.» Allerdings müsse das Umfeld auch verstehen, wenn dies nicht möglich sei. «Akzeptiert die Angehörigen in ihrem Schmerz, zeigt Verständnis.»

Schritt für Schritt zurück ins Leben
Nach ihrem Selbstmordversuch wird Kareen ins Spital eingeliefert. «Ich hatte einen Selbstmordversuch hinter mir, keine Füsse mehr und drei Finger weniger. Ich war am Ende, ich wollte nur noch sterben», blickt sie zurück. Einem Psychiater will sie sich nicht anvertrauen. In einem Seelsorger findet sie schliesslich die ideale Ansprechperson. «Dabei ging es nicht um Religion. Er besuchte mich jeden Tag, hörte mir zu und sprach mit mir», so Kareen.

Kareen hat noch immer Depressionen, ausserdem leidet sie unter Angstzuständen. Sie beginnt eine Therapie bei der SUVA. Den anderen Patienten erzählt sie, sie sei in Ägypten von einem Hai angegriffen worden. Sie schämt sich für die Wahrheit. Die Fachpersonen der SUVA können ihr helfen: «Sie nahmen mir meine Angst vor Zügen und vermittelten mich an die Vereinigung Gang Nit.» Hier findet sie Ansprechpersonen, die auf gleicher Ebene mit ihr kommunizieren und ihr Aufgaben geben. «Das half sehr», erklärt Kareen. Schliesslich erhält sie Prothesen und lernt wieder laufen. «Ein Meilenstein», wie sie sagt. Dann zieht Kareen um, beginnt ein neues Leben. «Ich bereue nicht, was ich getan habe. Vorbei ist vorbei, ich kann das nicht mehr ändern.»

Zwei Jahre nach ihrem Selbstmordversuch sitzt Kareen in einem Café und lächelt. Sie ist wieder berufstätig, frisch verliebt, hat eine Beziehung und Träume. In Zusammenarbeit mit Gang Nit hält sie Vorträge und spricht über ihre Erfahrungen. «Wenn ich das nicht mache, macht es niemand. Auch wenn es mir manchmal schwerfällt.» Sie nimmt einen Schluck Kaffee und sagt: «Es ist schwierig, sich umzubringen. Es ist einfacher, zu leben.» Kürzlich schrieb sie an die SBB, an den Zugführer. Sie entschuldigte sich.

*Namen geändert


Walliser Bote, 19. Mai 2016