Hinter Gittern leben

Symbolbild

Aktuell leben im Wallis 261 Menschen hinter Gittern. Die Strafanstalten sind ausgelastet, bei manchen besteht Sanierungsbedarf. Ein Blick hinter die Kulissen.

Die Barriere, die die Aussenwelt von der Strafanstalt Crêtelongue trennt, öffnet sich langsam. Ich verlasse Granges und betrete das Zuhause von straffällig gewordenen Menschen. Aus der Ferne sieht Crêtelongue aus wie ein Bauernhof: Einige Gebäude älteren Jahrgangs schmiegen sich an die asphaltierten Strassen, im Hintergrund mache ich grosse Felder aus. Ich sehe einen Stall, eine Garage für landwirtschaftliche Fahrzeuge und eine Schreinerei / Sägerei. Auf dem dazugehörigen Vorplatz stapelt sich jede Menge Holz.

Wären die vergitterten Fenster, die Kameras und das umzäunte Areal nicht gewesen, ich hätte kehrtgemacht und ein «richtiges» Gefängnis gesucht. Doch dies ist sie, die Strafanstalt Crêtelongue mit aktuell 58 Insassen, 22 Angestellten und rund 80 Hektaren Umschwung. Eine Strafanstalt, die ihren Zweck erfüllt. Ich hatte wohl falsche Vorstellungen.

Freundlich werde ich von Olivier Devaud, Leiter der Werkstätten von Crêtelongue, begrüsst. Im anschliessenden Morgenrapport tauschen
sich die Aufseher, die Nachtschicht und der soziale Dienst über die vergangene Nacht und das anstehende Tagesprogramm aus. Drogentests, Arbeitsverteilung und Neuzugänge: Das Team von Crêtelongue ist routiniert, bereits nach einer halben Stunde ist der Rapport vorbei. Während sich die Gefangenen in ihrer roten Sträflingskleidung zum Appell sammeln und sich dann auf den Weg zur Arbeit machen, zeigt mir Olivier Devaud das Innere der Strafanstalt.

Schmuggel im Gefängnis
Der dicke Schlüsselbund rasselt als Devaud die erste Zelle öffnet. «Dies ist eine Arrestzelle. Bei fehlbarem Verhalten werden die Insassen isoliert, je nach Schwere der Übertretung wird die Dauer des Aufenthalts festgelegt.» Eine nackte Zelle, viel Beton, die Dusche wird auch als Toilette benutzt.

Werden die Gefangenen hier eingeschlossen, haben sie eine Stunde Hofgang, die anderen dreiundzwanzig Stunden bleiben sie in der Arrestzelle. Ein Rauchverbot rundet die Bestrafung ab, dafür kann das Licht auf Verlangen ein-­ oder ausgeschaltet werden. Das einzig zugelassene Buch: Die Bibel.

Nach der Besichtigung der zwei Besucherräume (Tische, Stühle, Snack­Automaten und ein Pingpong-­Tisch), gehts weiter durch die Mensa. Dabei entdecke ich ein Telefon. «Die Gefangenen dürfen telefonieren», erklärt Devaud. «Dazu brauchen die Insassen lediglich eine Telefonkarte.»

Dann erklimmen wir eine Treppe und erreichen einen regulären Zellentrakt. «Um 20.00 Uhr wird das Gitter, das den Trakt vom Rest des Gebäudes trennt, abgeschlossen. Die Türen zu den Zellen bleiben während der Nacht offen.» Zwischenfälle gebe es selten, so Devaud.

Die Zellentür öffnet sich quitschend. Olivier Devaud macht mir Platz, damit ich das Innere betrachten kann. Ich umkurve einen Kühlschrank, nach zwei Schritten stehe ich mitten in der Zelle: Ein Lavabo, ein Bett, ein kleiner Tisch, Bilder an den Wänden, die vergitterte Sicht aus dem Fenster. «Hier gibt es keine Videoüberwachung», bemerkt Devaud. «Auch Gefangene haben Privatsphäre.» Die Zellen würden aber immer wieder durchsucht. Dabei fänden die Aufseher unerlaubte Gegenstände wie Mobiltelefone, Drogen oder gehortete Medikamente. «Hier kommt so einiges rein», weiss Devaud. «Aufgrund der landwirtschaftlichen Arbeit ist das Territorium von Crêtelongue ziemlich offen zugänglich, es ist unmöglich den Schmuggel zu verhindern.»

Hier also leben die Insassen von Crêtelongue, wenn sie nicht ihrer Arbeit nachgehen. Am Wochenende während 23 Stunden.

Gefangen am Arbeitsplatz
Die Strafanstalt Crêtelongue gehört mit ihren 60 Hektaren landwirtschaftlich genutztem Boden und mit ihren rund 100 Kühen zu den grössten Bauernbetrieben im Wallis. «Die Sträflinge produzieren und verarbeiten Wein, Früchte, Gemüse und Holz», erklärt Devaud beim Rundgang durch die verschiedenen Werkstätten. Daneben seien sie für die Wäscherei und den Hauswartsdienst verantwortlich.

«Die Arbeit und die damit verbundene Verantwortung tut gut», erklärt mir ein Gefangener, der zurzeit in der Wäscherei arbeitet und seit rund 40 Jahren inhaftiert ist. «Ohne mich läuft hier nichts», witzelt er, bevor er bei einem Aufseher einiges an Material bestellt.

«Es besteht eine grosse Nachfrage», meint Devaud auf meine Frage, ob die hergestellten Produkte begehrt seien. «Manches ist aufgrund der längeren Lieferfristen oder wegen kleineren Qualitätsmängeln billiger als üblich. Anderes nicht. Die Lebensmittel werden auch von Coop oder der Migros gekauft. Ausserdem stellen wir derzeit Bänke und Tische für eine Schule her. Der Erlös wandert in die Staatskasse.»

Ich staune immer noch, als wir den Rundgang über das Gelände längst beendet haben. Das Gefängnis gleicht einer Produktionsfirma, die Aufseher nehmen neben der Wahrung der Sicherheit auch psychologische und unternehmerische Aufgaben wahr. Trotzdem wird das Gefängnis als sicher eingestuft: «Seit ich hier bin, ist niemand geflüchtet», bestätigt Devaud.

Vielleicht auch deshalb, weil die gefährlichsten Kriminellen aufgrund des Konkordats der lateinischen Schweiz in anderen Kantonen inhaftiert sind.


«Im Gefängnis gibt es Drogen und Tauschhandel»


Granges Déjan* (37) sitzt seit März eine sechsmonatige Gefängnisstrafe wegen Raub und Körperverletzung ab. Ein zweites Verfahren wegen mehreren Einbrüchen ist noch hängig.

Sie sitzen im Gefängnis. Warum?
Ich war schwer drogensüchtig. Um mein Koks zu finanzieren, wurde ich kriminell. Ich bin im Gefängnis, weil ich einer alten Dame die Handtasche entrissen habe. Die Frau verletzte sich bei dem Überfall. Dazu kommen noch mehrere Einbrüche, dieses Verfahren läuft noch. Ich werde noch eine zusätzliche Haftstrafe erhalten.

Bereuen Sie Ihre Taten?
Ja. In der Untersuchungshaft war ich 23 Stunden am Tag auf kleinstem Raum eingesperrt. Hier hatte ich viel Zeit um mir Vorwürfe zu machen. Mir wurde klar, dass ich mein Leben ändern muss.

Was dachten Sie, als Sie verhaftet wurden?
Auch wenn es verrückt klingt: Ich war froh, bedankte mich sogar bei den Polizisten. Ohne die Verhaftung und die Gefängnisstrafe würde ich heute nicht mehr leben. Meine Kokainabhängigkeit hätte mich umgebracht.

Nun sind Sie «clean»?
Im Gefängnis bekomme ich Methadon. Das hilft bei meinem Entzug. Auch die Struktur, die mein Alltag im Gefängnis bekommen hat, hilft. Zusätzlich werde ich psychologisch betreut. Zurzeit ist es für mich von Vorteil, dass ich im Gefängnis bin.

Also gibt es im Gefängnis keine Drogen?
Wenn ich hier koksen wollte, wäre das kein Problem. Drogen und andere unerlaubte Gegenstände werden immer wieder an den Aufsehern vorbeigeschmuggelt oder von Kollegen der Insassen auf dem landwirtschaftlichen Territorium der Anstalt deponiert. Die Aufseher sind machtlos, sie können einzig die Zellen kontrollieren. Oft werden die Drogen aber auch an anderen Orten versteckt. Von Drogen halte ich mich aber fern. Dies ist meine letzte Chance.

Erklären Sie uns das Zusammenleben mit den anderen Gefangenen.
Im Gefängnis blüht der Tauschhandel. Die Gefangenen tauschen Drogen, Medikamente, Zigaretten, Schokolade, Zeichnungen oder Telefonkarten. Daneben ist das Verhältnis angespannt. Es gibt Konflikte aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit der Insassen. Die einzelnen Nationalitäten bilden Gruppen, zu richtigen Kämpfen kommt es aber eher selten.

Haben Sie auch Freunde gefunden?
Klar. In Crêtelongue habe ich ein paar Freunde mit denen ich reden, denen ich meine Sorgen anvertrauen kann. Dies ist sehr wichtig. Im Gefängnis ist es allerdings schwierig sich zu öffnen, viele lügen über ihre Taten.

Werden Sie von den Aufsehern gut behandelt?
Die Aufseher machen einen guten Job. Sie bringen uns Respekt entgegen, darum werden sie auch von uns respektiert. Wir siezen die Aufseher, was eine gewisse Distanz schafft. Es gibt bei den Aufsehern ein, zwei «Rambos» – wir werden aber niemals misshandelt. Amtsmissbrauch gibt es hier nicht.

Wie war Ihr erster Tag in Crêtelongue?
Ich musste meine persönlichen Sachen (ausser Uhr und Kette) abgeben, fasste die Gefängniskleidung und ging zur medizinischen Kontrolle. Dann unternahm ich mit einem Aufseher einen Rundgang durch die Gefängnisanlagen. Später wurden mir noch die Regeln erklärt, am nächsten Tag musste ich bereits zur Arbeit. Das verschafft mir Bewegung. Nichts tun ist schlecht für den Kopf.

Beschreiben Sie das Leben hinter Gittern.
Es ist nicht so, dass ich nur hinter Gittern sitze. Um 7.15 Uhr gibt es Frühstück stück, dann folgt der Anwesenheitsappell. Hier werden auch die Arbeiten verteilt. Bis um 11.45 Uhr arbeite ich meistens in der Schreinerei des Gefängnisses, nach dem Mittagessen wird bis um 17.00 Uhr weitergearbeitet. Danach habe ich Zeit für mich.

Was unternehmen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Meine Freizeit verbringe ich im Fitnessraum. Ich lese und male auch viel. Ausserdem habe ich begonnen zu meditieren.

Sie haben eine Familie und Kinder.
Das ist in der Tat sehr schwierig. Ich telefoniere viel mit meinen zwei Kindern (5 und 7 Jahre). Leider darf ich die Kinder nur einmal im Monat während einer Stunde sehen. Meine Kinder wissen, warum ich im Gefängnis bin. Ich lüge sie nicht an. Ich weiss, dass ich meiner Vaterrolle nicht gerecht wurde und viel vom Leben meiner Kinder verpasst habe. Das bereue ich. Ich will mich ändern, meine Kinder sind meine Chance.

Denken Sie, dass Ihnen die Reintegration in die Gesellschaft, in die Arbeitswelt, gelingt?
Das wird sicher schwierig. Es gibt viele potenzielle Arbeitgeber mit Vorurteilen. Ich habe bereits während vier Jahren eine Drogentherapie gemacht. Als ich raus kam, war ich komplett verloren und überfordert.

Sie arbeiten im Gefängnis und verdienen dabei auch Geld.
Hier kann man, je nach Verhalten und Einstellung, bis zu vier Franken die Stunde verdienen. Über sechzig Prozent des Geldes kann ich verfügen, damit bezahle ich die Miete für den Kühlschrank, den Fernseher und das Radio. 15 Prozent des Lohnes gehen auf ein Sparkonto, das nach der Entlassung freigegeben wird. 25 Prozent werden für Arztkosten und ähnliches zurückgehalten.

Was machen Sie nach Ihrer Entlassung?
Meine Kinder umarmen. Zeit mit meinen Kindern verbringen. Mein Leben ordnen. Ein grosses Steak essen. Ungestörte Stunden mit meiner Frau verbringen. Das fehlt. Ich bin auch nur ein Mensch (lacht).

* Name geändert.


Rhonezeitung, 16. August 2013