«Ich kämpfe nicht gegen den Vatikan, ich kämpfe für die Wahrheit»

Muguette Baudat: «Ich bin die Erste, die den Vatikan als Lügner bezeichnete»

Der Schweizergardist Cédric Tornay hat nach offiziellen Angaben des Vatikans zwei Menschen getötet. Muguette Baudat, die Mutter des verstorbenen Cédric, ist auch 15 Jahre nach der angeblichen Tat von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt.

Am Abend des 4. Mai 1998 soll Ihr Sohn Cédric den 31. Kommandanten der Schweizergarde und seine Frau erschossen haben, bevor er sich selbst getötet haben soll. Wie haben Sie von Cédrics Tod erfahren?
Meine Tochter hat mich angerufen, etwas Schlimmes sei passiert. Ich solle sofort nach Hause kommen, der Dorfpfarrer sei da. Als ich daheim ankam, warteten dort schon Angehörige und Freunde. Der Pfarrer sagte, Cédric habe sich das Leben genommen. Ich dachte mir, dass das nicht möglich sein konnte, er würde sicher nie Suizid begehen. Erst dann erzählte der Pfarrer, dass Cédric zwei Menschen getötet haben soll. Ich verstand die Welt nicht mehr. Er gab mir die Telefonnummer vom Vatikanbeauftragten Roland Trauffer. Bereits um Mitternacht, also nicht einmal drei Stunden nach dem dramatischen Ereignis, gab der Vatikan eine Medienkonferenz und beschuldigte meinen Sohn als zweifachen Mörder.

Was haben Sie bei dem Telefonat mit dem Vatikanbeauftragten erfahren?
Ich wollte wissen, was mit meinem Sohn geschehen war und wann ich ihn noch einmal sehen dürfe. Der Vatikanbeauftragte Trauffer erwiderte aber, dass ich Cédric nicht mehr sehen dürfe und auch nicht nach Rom reisen solle. Am nächsten Tag wurde mir vom Vatikan mitgeteilt, dass der Körper meines Sohnes schon zu stark verwest sei, um ihn zu sehen. Da wurde ich wütend, Cédric war nur einige Stunden zuvor verstorben. Irgend etwas stimmte an dieser ganzen Sache nicht. Auf Eigeninitiative reiste ich mit einer Kollegin nach Rom. Als Trauffer uns dort bemerkte, kam er zu uns ins Hotel. Er war ganz verdutzt und erklärte uns, dass der Vatikan alle Passagierlisten der Flüge sowie die internationalen Züge überwachen liess, um meine Einreise zu verhindern. Er liess uns daraufhin im Hotel einschliessen, damit wir mit niemandem reden konnten.

Was geschah daraufhin?
Erst am nächsten Tag durfte ich meinen Sohn endlich sehen, bei der öffentlichen Aufbahrung. Die drei Särge standen nebeneinander in einer Kapelle, nur derjenige von Cédric war geöffnet, die anderen wurden kurz vor meiner Ankunft geschlossen, wie ich später erfuhr. Cédric sah wunderschön aus. Er lag friedlich da und lächelte.

Es gab einen Abschiedsbrief von Cédric.
Ja, den gab es. Nachdem ich meinen Sohn das letzte Mal sehen durfte, wurde ich in ein Büro geführt. Hier erfuhr ich von einem Abschiedsbrief. Dieser wurde mir aber nur vorgelesen. Daraufhin sollte ich ein Dokument unterschreiben, dass ich den Brief erhalten habe. Ich unterschrieb nicht, da ich nicht genau wusste, was der Vatikan mit dieser Unterschrift bezwecken wollte. Meiner Freundin gelang es, den Brief heimlich mitzunehmen. Im Hotelzimmer las ich ihn und bemerkte bereits nach kurzer Zeit, dass nicht Cédric diesen geschrieben hatte. Es war nicht sein Schriftbild, nicht seine Worte und auch nicht seine Unterschrift.

Sie glauben also nicht, dass die offizielle Version des Vatikans stimmt?
Nein, ich bin mir sicher, dass sich an diesem Tag alles anders zugetragen hat. Erstens gibt es an dieser Version zu viele Ungereimtheiten anhand der mir bekannten Fakten. Cédric wurde vorgeworfen, er sei psychisch gestört und habe unter Drogen gestanden. Auch wurde gesagt, er sei homosexuell. Über diese Unterstellungen musste ich lachen, sie sind völlig aus der Luft gegriffen. Auch das Verhalten des Vatikans sagt mir, das die veröffentlichte Version der Geschichte nicht stimmen kann: Zuerst wollten sie mich nicht einreisen lassen, dann durfte ich Cédric nicht sehen, wurde sogar im Hotel festgehalten und sollte ohne Grund ein Dokument unterschreiben. Auch wurde mir geraten, alle persönlichen Gegenstände von Cédric direkt zu verkaufen und seinen Leichnam umgehend zu kremieren. Zuerst dachte ich über eine Kremierung nach, aber dann dachte ich an meine beiden Töchter, die ihren Bruder nicht in einer Urne das letzte Mal sehen sollten. So setzte ich alle Hebel in Bewegung, damit Cédric in Martinach beigesetzt werden durfte. Ich kenne meinen Sohn und weiss, dass er eine solche Tat nie begangen hat. Deshalb kämpfe ich auch für die Wahrheit und nicht gegen den Vatikan. Ich will wissen, was passiert ist, nicht für mich, sondern für Cédric und meine ganze Familie. In Rom bin ich eine Art Persönlichkeit, ohne dies je gewollt zu haben. Ich war die erste die den Mut hatte, den Vatikan als Lügner zu bezeichnen.

Sie sind also überzeugt davon, dass Cédric niemanden getötet hat. Was spricht für die Unschuld Ihres Sohnes?
Ich bin nicht nur überzeugt davon, dass Cédric unschuldig ist, ich bin mir sicher, dass er niemanden getötet hat und selbst zum Opfer wurde. Viele Fakten sprechen dafür, dass er nicht der Mörder sein kann. Das haben diverse Untersuchungen ergeben.

Sie haben verschiedene eigene Untersuchungen in Auftrag gegeben. Wie waren die Ergebnisse?
Der Vatikan hat zwar eine Autopsie durchgeführt, aber weder ich noch mein Anwalt hatten Einblick in die Ergebnisse. Ich habe in der Schweiz eine zweite Autopsie angeordnet. Diese hat ergeben, dass Cédric mit einer anderen Pistole als der eigentlichen Tatwaffe getötet wurde. Zudem waren seine oberen Vorderzähne eingeschlagen. Es wurde ersichtlich, dass er einen harten Schlag gegen den Kopf bekommen hatte, durch den er bewusstlos werden musste. Auch stand er, entgegen den Behauptungen des Vatikans, nicht unter Drogen und war nicht psychisch gestört. Leider ist diese Autopsie und ihre Ergebnisse rechtlich gesehen nicht zulässig, da die Ergebnisse der ersten Autopsie unter Verschluss gehalten werden. Auch den angeblichen Abschiedsbrief habe ich untersuchen lassen. Die Untersuchung hat ergeben, dass Cédrics Handschrift zwar leicht nachzuahmen, der Brief aber definitiv eine Fälschung sein muss. Das Schriftbild stimmt nicht mit anderen Briefen von ihm überein, einige Buchstaben wurden anders geschrieben. Auch der Inhalt des Briefes wirft bei mir Fragen auf. So hat er seine Verlobte in keinem einzigen Satz erwähnt. Zudem redete er immer vom heiligen Vater, nie vom Papst, wie es in diesem Brief der Fall war. Auch die Anrede war nicht wie sonst. Und wenn Cédric wirklich vorhatte, zwei Menschen zu töten, hätte er den Brief sicher nicht mit den Worten «Ein grosser Kuss für die beste Mama der Welt» beendet. Es gibt einfach zu viele Tatsachen, die nicht passen.

Wurde Ihr Sohn Opfer eines Komplotts?
Ich weiss nicht genau, was sich an diesem Abend zugetragen hat, aber Cédric hätte den Kommandanten verteidigt und ihn sicher nicht getötet. Vielleicht wussten Erstermann und seine Frau etwas, dass sie niemandem sagen sollten. Ich denke, dass Cédric zur falschen Zeit am falschen Ort war, oder dass jemand in ihm einen Sündenbock sah und ihm diese Tat anhängen wollte. Ich glaube, der wahre Mörder ist nach wie vor auf freiem Fuss. Viele Gardisten hatten noch Monate nach Cédrics Tod Angst, obwohl der angebliche Mörder doch bereits tot sein sollte.

Was war Cédric für ein Mensch?
Cédric war ein sehr offener, freundlicher Mensch. Leuten gegenüber begegnete er stets ohne Berührungsängste, war herzlich und liebevoll. Die Familie war ihm wichtig. Zudem war er sehr aufmerksam, beschenkte mich oft mit Blumen. Auch seine Freunde und die Gardisten, mit denen er gedient hat, beschreiben ihn stets als netten, lieben und offenen Kameraden, der zu einer solchen Tat, wie sie ihm vorgeworfen wird, nicht fähig gewesen wäre. Die Menschen, die Cédric gekannt haben, sehen in ihm keinen Mörder. Sie sind sich sicher, dass er niemanden getötet hat.

Sie haben Ihren Sohn auf tragische Weise verloren. Wie sind Sie mit diesem Verlust umgegangen?
Ich habe verschiedene Phasen der Trauer durchlebt, und irgendwann habe ich damit begonnen, weiterzuleben. Wichtig ist für mich nicht, wie ich Cédric verloren habe, sondern dass er tot ist. Er ist am 4. Mai 1998 gestorben. Auch 15 Jahre nach seinem Tod fällt es mir schwer, darüber zu reden.

Der Verlust meines Sohnes ist sehr hart für mich. Ich kann ihn nicht mehr sehen, nicht mehr mit ihm reden, ihn nicht mehr umarmen. Und allmählich verschwimmen die Erinnerungen an ihn, das ist sehr schwer für mich. Ich kann sein Lachen aber immer noch hören. Am 6. Mai war die Vereidigung der neuen Gardisten. Haben Sie diese mitverfolgt? Nein, ich habe die Vereidigung nicht verfolgt. Ich vergesse dieses Datum zwar nie, aber ich denke dabei eher an die Familien der jungen Gardisten.

Hat der Tod Ihres Sohnes Ihre Ansicht zum Vatikan verändert?
Früher hatte ich keinen Bezug zum Vatikan und dem Papst. Aber Cédric wusste schon früh, dass er eines Tages der Schweizergarde beitreten wollte. Bereits als 5-­Jähriger erzählte er von nichts anderem. Durch ihn habe ich die Bedeutung des Vatikans allmählich verstanden. Der Tod meines Sohnes hat aber an meiner Sicht zum Vatikan nichts geändert. An erster Stelle kommt immer mein Sohn, erst dann folgt der Vatikan. Ich habe gegenüber dem Vatikan auch nie Hass empfunden, das hat mich vielleicht gerettet.

Bald ist Muttertag. Fehlt Ihnen Cédric an solchen Feiertagen besonders
Ich bin und bleibe seine Mutter, auch am Muttertag. Aber für unsere Familie war Weihnachten immer das grösste Fest. Am schlimmsten fehlt er mir aber an Ostern.

Und wie leben Sie heute, 15 Jahre nach dem tragischen Verlust Ihres Sohnes?
Ich bin mit mir selbst im Reinen und stehe im Leben dort, wo ich sein soll. Ich gehe meinen Weg. Ich habe meine Töchter, bin Grossmutter, habe gute Freunde die zu mir stehen, erhalte viel Unterstützung und werde geliebt, das reicht doch. Ich stehe auch 15 Jahre nach der angeblichen Tat immer noch im Kontakt zum Vatikan. Ich werde weiterkämpfen, denn eines Tages wird die Wahrheit ans Licht kommen. Das der Vatikan so einiges zu verbergen hat, wurde ja auch in der Vatileaks­Affäre offensichtlich. Nicht zuletzt habe ich auch Vertrauen in den neuen Papst. Ich hoffe, dass er den Vatikan «reinigen» wird.

Er muss mit der Korruption im Vatikan aufräumen. Wenn die Grundsätze der heiligen Schrift nicht in Rom, im Hauptsitz der katholischen Kirche gelebt werden, wo denn sonst?


Rhonezeitung, 10.5.2013