«Jetzt spinnt er, der Wyssbrod»

Bild: BT

Hugo Wyssbrod aus Biel arbeitet seit über 45 Jahren als Schuhmacher. Anfang Jahr kaufte der Pensionär eine Schuhmacherei in Nidau und führt seitdem sein eigenes Geschäft – mit 77 Jahren.

Berge von Schuhen türmen sich auf den Wandregalen. Turn- und Bergschuhe, Tanz-, Arbeits-, Sonntagsschuhe. Selbst ein Skischuh hat sich in die Nidauer Schuhmacherei verirrt. Etwas einsam steht er da und beäugt missmutig seine entfernten Artgenossen. Klar, es ist Winter, die denkbar schlechteste Zeit für eine Schönheitskur. Er gehört nach draussen auf die Pisten. Allerdings fehlt ihm an der Sohle ein Stück Plastik. Noch. Hugo Wyssbrod wird sich auch seiner annehmen.

Diejenigen, die bereits durch Wyssbrods fachkundige Hände gewandert sind, erfreuen sich am zweiten Frühling, den er ihnen geschenkt hat. Nun warten sie, fein säuberlich nummeriert, auf ihre Besitzer. Sie linsen durchs Schaufenster, erwartungsvoll, sehnsüchtig. Sie wollen die Welt an ihren Sohlen spüren. Dafür wurden sie gemacht.

Irgendwo zwischen all den Schuhen versteckt sich ein Radio. Chormusik wabert durch den Raum und wetteifert mit dem Geruch von neuem Leder um die Gunst des ersten Eindruckes. Ein Hämmern ertönt: Wyssbrod steht an der Werkbank und klopft eine Sohle. Scheren, Hämmer, Zangen, Bürsten, Schleif-, Dehn- und Poliermaschinen. Er ist gut ausgestattet, hat sich Mühe gegeben bei der Einrichtung. Mit der Übernahme der Schuhmacherei verwirklichte sich der Bieler nicht nur einen Traum, er schenkte auch sich selber einen zweiten Frühling.

Alles im Griff
Wyssbrod legt den Hammer zur Seite, dreht sich um und hält den Schuh an die Schleifmaschine. Er ist konzentriert, gibt der Sohle die richtige Form. Die Sohlenreste legen sich wie Staub auf seine Hände. Ruhige Hände. Das jahrzehntelange feinmotorische Arbeiten hat ihnen gutgetan. Auch die schwarzbraunen Stiefeletten, die Wyssbrod trägt, haben sichtlich profitiert. Sie sind abgetragen, aber in Topform – und gleichen damit dem vifen 77-Jährigen. In seiner Arbeitsweste, mit dem weissen, etwas schütternem Haar, dem weissen Schnauz und der filigranen Brille, erinnert Wyssbrod an Meister Eder. Den Schreinermeis ter, der in der beliebten Fernsehserie «Meister Eder und sein Pumuckl» den unartigen Kobold bei sich wohnen lässt.

Anstelle von Pumuckl betritt eine Kundin den Laden. «Hallo, ich möchte die Schuhe meiner Mutter abholen», sagt sie. Wyssbrod säubert sich erst mittels Druckluft, bevor er sich der Kundin annimmt. «Guten Tag», grüsst er. «Die weissen Damenschuhe? Die sind leider erst Morgen abholbereit.» Die Kundin bedankt sich und verlässt den Laden. Dann kommt ein Anzugträger und verlangt nach seinen Winterschuhen. Wyssbrod muss nicht suchen, fischt die Stiefel zielsicher aus dem Schuhberg und tütet sie sorgfältig ein. «35 Franken», sagt er und lacht den Mann freundlich an. Wyssbrod hat alles im Griff.

Seit Anfang Januar steht Hugo Wyssbrod an der Werkbank von seiner Schuhmacherei und repariert Schuhe. Tag für Tag, Woche für Woche. Das war nicht immer so, eigentlich hatte er mit seinem Arbeitsleben abgeschlossen.

Schuster mit Leib und Seele
Immerhin hat er die dreijährige Lehre zum Schuhmacher bereits vor 45 Jahren in Luzern abgeschlossen. Anschliessend arbeitete er in verschiedenen Betrieben, am Längsten bei «Bata» in Biel.

Eine Kundin betritt den Laden. Sie spricht eine Weile mit Wyssbrod, dann geht ihr ein Licht auf. «Ich kenne Sie! Sie waren früher mein Schuhmacher bei ‹Bata›!» Die Kundin ist entzückt, Wyssbrod auch. Nostalgie, Witze, Lachen. Wyssbrod nimmt sich viel Zeit für seine Kunden, sein Credo besteht nicht nur aus Worthülsen: «Die Kunden sollen zufrieden sein. Ich flicke die Schuhe, als ob ich sie selber tragen würde.»

Als die Kundin den Laden verlässt, wird es still. Wyssbrod schnappt sich einen Schuh, arbeitet und erzählt weiter.

Damals verkaufte «Bata» die hauseigenen Schuhmachereien an «Mister Minit». Vier Jahre später wurde Wyssbrod entlassen. «Sie sagten, ich sei zu teuer», sagt er. Also machte er sich selbstständig, es lief allerdings nicht wie geplant. Er wurde arbeitslos und meldete sich bei der regionalen Arbeitsvermittlung (RAV). Aber er wäre nicht Wyssbrod, hätte er nicht auch hier seine Spuren hinterlassen: «Ich richtete ihnen eine eigene Schuhmacherei ein», so Wyssbrod. «Ich gab ihnen mein Werkzeug und meine Maschinen, ich wusste ja nicht, dass ich das Material noch einmal brauchen würde.» Seitdem wird die Schuhmacherei im Rahmen des Beschäftigungsprogramms für Arbeitslose genutzt, sie existiert noch immer. Geleitet wird sie von einem ehemaligen Lehrling von Wyssbrod, den er «richtig getrimmt» hatte.

Dann wurde Wyssbrod pensioniert. Seine «Pause», wie er es nennt.
Es erstaunt nicht, dass der Rentner während seiner «beruflichen Auszeit» nicht zur Ruhe kam.

Wenn nicht jetzt, wann dann?
Vielmehr baute der begeisterte Theaterspieler in seinem Atelier in Lyss in einer mehrjährigen Prozedur eigene Geigen, die vor allem als Requisiten bei Theaterstücken zum Einsatz kamen. «Ich war schon immer fasziniert von diesen Instrumenten», sagt er. Die Instrumente sind voll einsatzfähig und liegen zurzeit im Schaufenster seiner Schuhmacherei. Dort warten sie, bis sich Wyssbrods Wunsch erfüllt: ein Konzert, gespielt auf seinen eigenen Instrumenten. Dazu will er bis Ende Jahr noch eine Bratsche und ein Cello fertig bauen.

Damit nicht genug, erstellt Wyssbrod auch Metallskulpturen, welche er im letzten Jahr in Biel ausstellte und verkaufte. «Ich bin vielbeschäftigt», sagt er. Ein glückliches Lächeln huscht über sein Gesicht.

Oft half Hugo Wyssbrod auch in der Schuhmacherei von Beat Zurkinden aus. Als sich der ehemalige Inhaber anderen Projekten widmen wollte, habe er zu Wyssbrod gesagt: «Willst du meine Bude übernehmen?» Nach einer Bedenkzeit kam der 77-Jährige zu einer Entscheidung. «So eine Chance kommt nicht alle Tage», sagte Wyssbrod. «Jetzt oder nie.» Er kaufte die Schuhmacherei im Alter von 77 Jahren, auch wenn seine Kollegen oft sagten: «Jetzt spinnt er, der Wyssbrod.» «Heute bringen sie trotzdem ihre Schuhe», sagt er und bricht dann in Gelächter aus.

Hugo Wyssbrod ist zufrieden, er hat genug zu tun. Kurz nach der Wiedereröffnung hatte er bereits 110 reparaturbedürftige Schuhe im Haus. «Ich war nie hektisch oder habe geflucht.» Getreu seinem persönlichen Grundsatz: «Das Leben kriegt mich nicht unter.» Was Wyssbrod zu seinem Glück noch fehlt, ist ein Auftritt in der SRF-Sendung von Kurt Aeschbacher. Er ist ein Fan und will den Moderator kennenlernen. «Aeschbacher, so was wie mich findest du nicht oft», bringt er sich in Stellung.

Wo er recht hat, hat er recht, der Schuster.


Bieler Tagblatt, 14. Februar 2017