Kantonspolizei warnt vor Anschlag

Einige Bewohner des Asylheims in Visp sorgen für negative Schlagzeilen.

In fragwürdiger Art und Weise berichtet die RhoneZeitung (RZ) in ihrer Ausgabe vom 7. August 2014 über eine versuchte Vergewaltigung in der Nähe der Oberwalliser Empfangsstelle für Asylsuchende. Die Reaktion bleibt nicht aus: Die Kantonspolizei warnt die Empfangsstelle vor einem möglichen Anschlag. Trotzdem bejubelt die RZ ihre «journalistische Leistung.»

In Boulevard-Manier berichtet die RZ in ihrer Ausgabe vom 7. August 2014 über einen versuchten sexuellen Übergriff an einem 13-jährigen Mädchen. Natürlich ist dieser Vorfall zu verurteilen. Zu verurteilen ist allerdings auch die Art der RZ-Berichterstattung. Die Oberwalliser Wochenzeitung belässt es nicht bei einem Tatsachenbericht. Sie verbindet die Geschehnisse mit einer unreflektierten und populistischen Kritik an der Oberwalliser Empfangsstelle für Asylsuchende und holt zum Rundumschlag gegen Flüchtlinge aus. Zahlen, Fakten und eine objektive Analyse sucht man dabei vergebens. Damit wird den Lesern die Möglichkeit genommen, die Geschehnisse einzuordnen und in ein Verhältnis zu setzen.

Der Aufhänger der RZ-Story: Der mutmassliche Täter ist dunkelhäutig, die Tat fand unweit der Oberwalliser Empfangsstelle für Asylsuchende statt. Daraus schlussfolgert die RZ, dass der mutmassliche Täter ein Bewohner der Empfangsstelle war. Dies mag vielleicht stimmen, den Beweis dafür bleibt die RZ allerdings schuldig.

Aufruf zu Attentat oder anderen Aktionen
Diese Art der Berichterstattung zeigt bereits Konsequenzen: Gemäss einem Insider informierte die Kantonspolizei die Empfangsstelle dahingehend, dass ein Anschlag oder eine Aktion gegen das «Flüchtlingsheim Visp» denkbar sei. Es werde zur Vorsicht aufgerufen. Die Kantonspolizei bezieht sich bei ihrer Warnung auf Kommentare und Gespräche von Internet-Usern,
weiss der Insider.

Damit hat die RZ ihr vermeintliches Ziel erreicht: Aus einem bedauerlichen Vorfall ist nun der «Brandherd Kleegärten» entstanden.

Im Ton vergriffen
In der Berichterstattung der RhoneZeitung schimmert die Haltung und Voreingenommenheit der Autoren durch. «…wo sich täglich mehrere Asylanten herumtreiben», «nicht alle Asylanten haben gute Absichten. Sie dealen mit Drogen. Sie klauen Velos. Oder besonders schlimm: Sie belästigen Minderjährige sexuell», sind nur einige der (unbelegten) Textauszüge aus dem betreffenden Artikel. Dabei beruft sich die RZ ausschliesslich auf Aussagen von frustrierten Anwohnern und vermittelt den Lesern dadurch ein Bild des Schreckens. Dass es im Kleegärtenquartier aber auch Anwohner gibt, die mit den Bewohnern der Empfangsstelle auf gutem Fuss stehen, fällt unter den Tisch.

Aufgrund der Berichterstattung über eine versuchte Vergewaltigung an einer Minderjährigen steht das gesamte Flüchtlingsheim in der Kritik.

Manche Frauen hätten ein «komisches Gefühl», wenn sie von dunkelhäutigen Männern angesprochen werden. Oder: «Ich beobachte schon seit längerer Zeit wie Dunkelhäutige meist in der Nähe der Baltschiederbrücke mit Drogen dealen», sind weitere von der RZ zitierte Aussagen von Kleegärten-Anwohnern.

Solche Aussagen spiegeln die Sorgen und Ängste einiger Anwohner wider, dürfen aber nicht als einzige Quellen herhalten. Denn diese Eindrücke sind subjektiv. Ein Gespräch zwischen dunkelhäutigen Asylbewerbern wird schnell als Drogendeal abgestempelt, ein billiger Anmachspruch von einem Flüchtling wird anders beurteilt als derselbe Anmachspruch eines Schweizers. Das heisst: Flüchtlinge können oft gar nichts richtig machen, die Meinungen sind bereits im Vorfeld gemacht.

Natürlich darf die RZ solche Zitate bringen, sollte sie aber auch in ein vernünftiges Verhältnis setzen. Wer im RZ-Artikel aber aussagekräftige Zahlen und Fakten sucht, findet nichts. Billiger Populismus und unverhohlene Stimmungsmache gegen ein Problem, dass von der RZ niemals richtig erfasst wurde.

Der Fall der versuchten Vergewaltigung ist den Oberwalliser Medien übrigens schon länger bekannt. Wohl aber fehlten ein Ansatzpunkt und verlässliche Aussagen. Die RZ hat nun mit den Betroffenen gesprochen und ist in Erwartung des «Primeurs» meilenweit über das Ziel hinausgeschossen.

Ungleiche Berichterstattung bei Delikten
Auch eine Stellungnahme der Kantonspolizei ist im RZ-Artikel nicht zu finden. Diese bestätigt gegenüber der RA, dass im Kleegärtenquartier oft Übertretungen gegen das Betäubungsmittelgesetz stattfinden. «Es kommt auch zu Diebstählen aus Fahrzeugen, allerdings ist dies nicht übermässig oft der Fall», schreibt die Kantonspolizei weiter. Und: «Spannungen zwischen männlichen, alleinstehenden Bewohnern der Empfangsstelle für Asylsuchende und der einheimischen Bevölkerung sind spürbar.» Diesbezüglich hätte man mit asylsuchenden Familien oder mit älteren Personen keine Probleme.

Nun «logieren» in der Oberwalliser Empfangsstelle für Asylsuchende rund 70 junge Männer. Diese Konzentration trägt dazu bei, dass die erwähnten Spannungen existieren. Diese Probleme kennt aber auch die einheimische Bevölkerung, auch hier sind die Spitzenreiter bei Gesetzesübertretungen junge Männer. So kam es im Wallis im Jahr 2013 zu 159 Übertretungen gegen die sexuelle Integrität, davon 15 Vergewaltigungen. Über diese Vergewaltigungen wurde in den Oberwalliser Medien nicht berichtet. Aufgrund des Opferschutzes. Oder weil das Aushängeschild «Ausländer» fehlte?

Die genannten Zahlen sind in der Statistik der Kantonspolizei einsehbar. Dazu genügen einige Klicks. Dieser Aufwand war der RZ wohl zu viel.

Die Mär von den Samthandschuhen
Im Oberwallis kursiert die Meinung, dass asylsuchende Menschen bei Vergehen nicht oder zu milde bestraft würden. Das ist nichts als eine Mär. So haben zum Beispiel sowohl die Kantonspolizei als auch die Visper Gemeindepolizei ihre Präsenz im Kleegärtenquartier schon seit geraumer Zeit verstärkt. «Wir führen gezielte Überwachungen durch, um die Drogendelikte zu verhindern», so die Kantonspolizei. Uniformierte Patrouillen, Kontrollgänge in zivil, gezielte Aktionen und regelmässige Kontrollen der Hot-Spots: Die Kantonspolizei unternimmt viel, um dem Drogenumschlag Einhalt zu gebieten.

Übrigens ist die Oberwalliser Empfangsstelle für Asylsuchende nicht der einzige Grund, weshalb Visp in einem Artikel des Nouvelliste gar als grösster Drogenumschlagplatz des Kantons bezeichnet wird: «In Visp verkehren Züge aus Italien und Deutschland», erwähnte Peter Feger, Chef bei der Betäubungsmittelabteilung der Walliser Kantonspolizei gegenüber dem Nouvelliste.

Unmenschliche und unchristliche CSP-Forderungen
Auf dem Rücken der versuchten Vergewaltigung erhält die ABP/CSP Visp erneut die Gelegenheit, Rayonverbote, Ausgangssperren und die Schaffung eines umfassenden Sicherheitskonzepts für das Kleegärtenquartier zu fordern. Eine entsprechende Interpellation hatte CSPO-Suppleantin Rosina In-Albon bereits im Mai 2013 hinterlegt. Diese Interpellation wurde vom Grossen Rat mit 82 Ja zu 32 Neinstimmen angenommen und dem Staatsrat zum Vollzug überwiesen.

Dies, obwohl sich der Staatsrat gegen die Forderungen ausgesprochen hatte – weil er sie schlichtweg als nicht nötig erachtet. In seiner Antwort auf die Interpellation ist klar vermerkt, dass die bestehenden Massnahmen und Sicherheitskonzepte ausreichen würden. Die CSPO will nun reagieren und in der kommenden Herbstsession auf die Umsetzung ihrer Forderungen pochen.

Dabei erschliesst sich dem objektiven Betrachter nicht, wie Rosina In-Albon mit den geforderten Massnahmen die Kriminalität in den Griff bekommen will. Dienen die von ihr geforderten Massnahmen (sofern sie nicht längstens bestehen) doch einzig der Resultatskorrektur und der Verlagerung der «Probleme.» Wichtiger und sinnvoller wäre die weitere Förderung von Beschäftigung, Sprachbildung und der Wille zur Integration. Diese oft geforderte Integration seitens der Flüchtlinge ist ohne das Engagement und Entgegenkommen der Einheimischen aber nicht zu haben. Das wissen alle, die im 21. Jahrhundert angekommen sind.

Im Oberwallis sind asylsuchende Menschen dagegen nur während dem Open Air Gampel geduldet – wo sie den Dreck der Anderen wegräumen. Während dem Rest des Jahres stossen sie auf Ablehnung und Hass. Es ist an der Zeit diese Haltung zu überdenken.

Unreflektiert geschriebene Artikel sind dagegen Gift für die Arbeit von zahlreichen kantonalen Stellen, die mit viel Engagement versuchen die vom Bund vorgegebenen Weisungen umzusetzen. Wie im vorliegenden Fall können solche gedankenlosen Texte gar zu kriminellen Handlungen aufrufen. Eine Wochenzeitung, die an alle Oberwalliser Haushalte verteilt wird, sollte sich ihrer Verantwortung bewusst sein und nicht auf unverantwortliche Art und Weise Öl ins Feuer giessen. Dadurch wird das Kleegärtenquartier zum Brandherd. Die Brandstifter sind gefunden.


Rote Anneliese, 11.9.2014