Rache am Trickbetrüger

Das Milchgesicht hatte es faustdick hinter den Ohren. Rache ist süss.

Vor vier Wochen tat sich ein Loch auf. Ich schmiss sie hinein, die Menschen. Allesamt. Zuerst die Süssen und Unschuldigen. Der dumpfe Klang ihres Aufpralls: die reinste Freude. Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Deckel drauf und gut ist.

Vor vier Wochen nahm mich ein Betrüger aus. Den journalistischen 15-Stunden Alltag in den Knochen, stand ich schwankend auf einem Perron im Bahnhof Bern. Ich wollte ins Wallis. Plötzlich flehte mir etwas ins Gesicht: glänzende Glubschaugen, schniefende Nase, ein Zittern umspielte die Lippen. Ein schutzbedürftiges Vögelchen.

«Kannst du mir 50 Franken fürs Ticket geben?», hauchte es in lupenreinem Walliserdeutsch. Sofort schmolz ich dahin. «Ich muss nach Visp», wimmerte es mit entgleistem Milchgesicht. «Mein Vater holt mich am Bahnhof ab, dann bekommst du alles zurück.» Ich tätschelte ihm das Bäckchen. «Weine nicht, kleiner Piepmatz. Ich helfe dir.» Ich liess mir den Namen und die Telefonnummer geben, bin ja nicht bescheuert. Er nahm zuerst das Geld, dann die Beine in die Hand. «Logisch», dachte ich. «Piepmatz holt sich jetzt sein Ticket.»

In Visp angekommen, stieg kein Piepmatz aus. Kein Vater wartete banknotenwedelnd auf den Retter seines Sprösslings. Zuhause erzählte ich die Geschichte dann meiner Freundin. Bald unterbrach sie mich und lieferte eine exakte Beschreibung des Täters. Mit den Worten «dasselbe ist mir vor fünf Jahren in Bern passiert», gab sie mir den Rest. Meine Lippen zitterten, Tränen kullerten aus Glubschaugen. Geld erhielt ich trotzdem keines, meine Freundin ist ein harter Brocken.

Der kleine Piepmatz betrügt seit über fünf Jahren. Unglaublich. Sah er doch aus, als wäre er eben erst dem Ei entschlüpft. Mein Glaube an die Menschheit: dahin. Ich rief die Nummer an, die er mir gegeben hatte. Fehlanzeige. Meine Freundin lächelte mitleidig, das weckte meinen Kampfgeist: «Warte nur, Piepmatz! Wir sehen uns noch!»

Letze Woche sahen wir uns dann wieder: Bahnhof Bern, Zug ins Wallis, kurz vor der Abfahrt. Der Piepmatz schluchzt erneut seine Geschichte, eine schauspielerische Meisterleistung. Natürlich verspüre ich das Bedürfnis, meinen Bleistift in sein Gesichtchen zu rammen. Ich krame nach dem Spitzer und spitze. Er sieht die Gefahr und flüchtet. Ich verfolge ihn, beobachte. Er ist auf Beutezug, schlendert über das Perron und sucht nach Opfern. Zweimal hätte er Erfolg gehabt. Ich kläre die Leute auf und vermassele ihm die Tour. Auf einmal ist der Piepmatz gar nicht mehr süss: Er spuckt, keift und faucht.

Tja, Piepmatz! Ich bin oft in deinem Beuterevier unterwegs. Auf dem Perron in Bern, wo die Züge ins Wallis rollen. Dort suche ich dich. Ich werde dir noch viele Touren vermasseln.

Manchmal begleitet mich auch meine Freundin. Dann musst du schnell sein. Sie sucht dich bereits seit fünf Jahren. Wenn sie dich findet, hast du ein Problem: Sie ist ein Tier. Nicht so ein Piepmätzchen wie du. Eher so elefantenmässig. Hast du die schon mal ausrasten sehen? Die stampfen alles in Grund und Boden. Glaub mir. Ich weiss, wovon ich rede.