Vom Kinderzimmer in die Schlacht

Krude Aussagen zur Stimmungsmache: Rassisten und ihre verdrehte Weltanschauung.

Vor rund einem Monat verteilten Unbekannte rassistische Flyers auf den Strassen und Trottoirs von Visp. Nein, verteilen ist nicht das richtige Wort. Sie verstreuten sie.

Gemäss einem Passanten, der zur betreffenden Uhrzeit in Visp unterwegs war, fand die Verstreuungsaktion am 8. August zwischen 21.35 Uhr und 22.07 Uhr statt. Ganze 32 Minuten nahmen sich die Urheber also Zeit, um ihr Gedankengut auf den Boden zu werfen. Zuvor brauchten sie noch ein paar Minuten um zuhause das Material zu entwerfen und die Bedienungsanleitung von Mamas Drucker zu studieren. Dann noch ein paar Schnitte mit der Kinderschere, fertig ist das rassistische Propaganda-Material.

Die Uhrheber, nennen wir sie Alfred und Heinz, waren wohl so beschäftigt mit den Vorbereitungsarbeiten, dass die Inhalte eine ziemlich untergeordnete Rolle spielten. Die Beiden sitzen also im Kinderzimmer und sind ziemlich stolz auf sich. Konspirativ haben sie sich zu ihrer Tat verabredet, dazu benutzten sie Funkgeräte von Fischerprice. Die Kinderzimmertüre öffnet sich nur nach dem geheimen Klopfzeichen. Klopf, Klopf: Es klingt hohl. Wenn Mama mit einem Tablett in der Hand das Zimmer betritt, schicken sie die arme Frau weg. Rigoros. Da kennen die Beiden kein Pardon. Die Geheimdienste überwachen heute alles und jeden, da muss man vorsichtig sein. Auch wenn Mamas Pingu-Sirup eigentlich ganz gut schmeckt. Eine Frage der Prioritäten.

Im feindlichen Territorium
Alfred und Heinz klopfen sich auf die Schultern. Sie leben im Untergrund, eine konspirative Zelle à la NSU. Der Traum wird wahr, die feuchte Unterhose sagt ihnen, dass sie das Richtige tun. Sie sind die Retter von Europa und freuen sich auf das Lob der Kameraden. Ruhm und Ehre: Dafür lassen sie ihr bürgerliches Leben gerne hinter sich. Alfred und Heinz. Ein Raunen geht durch die internationale Neonazi-Szene.

32 Minuten im feindlichen Territorium: Das Leben als Rassist ist hart.

Die Verteilung des Materials galt lange als Knackpunkt. Immerhin wagten sich Alfred und Heinz in feindliches Terrain. Umzingelt von Juden, Muslimen, Flüchtlingen, Kommunisten und anderem Gesindel würde es schwer werden, das Material an den Mann zu bringen. Davor hatten sie Angst. Sie fürchteten aber nicht nur ihre Feinde, sondern auch deren Argumente. Was zum Teufel sollten sie tun, wenn jemand über den Inhalt der Flyer diskutieren möchte? Da wären sie ganz schön angeschmiert. «Wir haben in einem rechtsradikalen Forum die erstbesten Bilder kopiert, einige Logos hinzugefügt und das Ganze gedruckt.» Eine denkbar schlechte Diskussionsbasis.

Schliesslich fanden sie eine geniale Lösung. In endlosen Diskussionen einigten sie sich darauf, 32 Minuten hinter den feindlichen Linien zu verbringen. Alles andere wäre schlicht zu gefährlich. Das Fahrzeug würden sie nicht verlassen, bloss keinen Kontakt zu anderen Menschen. Sie würden ihr Propaganda-Material aus dem fahrenden Auto auf den Boden schmeissen und sich danach in die Sicherheit des Kinderzimmers begeben. Zitternd und schwitzend zwar, aber mit dem Gefühl, ihre Botschaft verbreitet zu haben. Der Sieg wird unter der Kuscheldecke gefeiert. Dicht zusammengedrängt, Mamas Sirup in der Hand. «Denen haben wirs aber gezeigt, was?»

Die Welt horcht auf
Die Botschaft der Beiden bleibt nicht ungehört. In Windeseile verbreiten sich die Parolen, sie sind wahre Augenöffner. «Europa erwache.» Und Europa wacht auf: Die Parolen fanden den Weg aus dem Dreck der Visper Strassen, nach Bundesbern und auf die Bühne der internationalen Politik. Die Parolen werden diskutiert, Lösungen müssen her. Die Entscheidungsträger sind allerdings etwas überfordert. Zu lange haben sie die Augen vor den wirklichen Problemen verschlossen. Zum Glück gibt es Alfred und Heinz.

Europa befindet sich im Dornrösschenschlaf. Die Prinzen Alfred und Heinz küssen den Kontinent wach.

In ihrer Not suchen sie nach den politischen Ausnahmetalenten. Mit Hochdruck. Die Beiden haben die Wahrheit erkannt. Es scheint, als hätten sie Lösungen parat. Also richten die europäischen Geheimdienste ihre Augen auf Visp. Hektisches Suchen. Alfred und Heinz, wo seid ihr? Rettet uns. Die Beiden ahnen nichts davon. Sie spielen derweil im Kinderzimmer Indianer und Cowboy. Nur: Niemand will Indianer sein. Doof aber auch. Zuerst müssen sie dieses Problem lösen, Europa muss warten.

Alfred und Heinz, zeigt Mut!
Über die Inhalte der Flyer muss nicht diskutiert werden. Die waren bereits kurz nach der Aktion da, wo sie hingehören: auf dem Boden, im Dreck. Dann gings ab in den Abfallbehälter.

Die deutsche Musikgruppe «Dritte Wahl» bringt es auf den Punkt: «Dummheit kann man nicht verbieten und doch kann man etwas dagegen tun. Was gegen Dummheit hilft ist Bildung, gegen Verbote sind die Dummen oft immun.» Dumm ist nur, dass unser Bildungsminister Oskar Freysinger (SVP) selber eine Reichkriegsflagge im Keller hängen hat. Einen Genozid-Leugner als Kommunikationsbeauftragten anstellte und immer wieder internationale Reisen antritt, um vor Rechtspopulisten und Rechtsextremen zu sprechen. Dabei lässt er sich bauchpinseln, gilt er unter anderem doch als wackerer Kämpfer für das Minarett-Verbot. Eine Rolle, die ihm in diesen Kreisen grosse Bekanntheit eingebracht hat.

Mit solchen Vorbildern vor Augen fiel es Alfred und Heinz wohl schwer, einen anderen Weg zu wählen.

Neben den europäischen Geheimdiensten, möchte auch ich mit Alfred und Heinz sprechen. Gerne würde ich mit euch die Aussagen auf den Flyern diskutieren, ich fände das spannend. Ich möchte euch die Möglichkeit geben, euch zu erklären. Zeigt Mut und meldet euch. Seid nicht immer so feige. Und: Ich werde auch die Rolle des Indianers übernehmen, damit ihr endlich wieder richtig spielen könnt.

Solidarität im Internet
Natürlich kann man darüber diskutieren, ob es richtig ist, diese Flyer virtuell zu verbreiten. Aber: Das Treiben der Ewiggestrigen muss ans Licht gezerrt werden. Immer, überall. Nichts zeigt die Dummheit und Verblendung von Rassisten und Menschenhassern so gut, wie ihre kruden Aktionen und Parolen. Sie diskreditieren sich selber. Das heisst nicht, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht. Viel zu oft lassen sich Menschen von deren «Argumentationen» anstacheln. Sie legitimieren derartige Aktionen und solidarisieren sich anonym im Internet. Ohne Reflektion.

«Wo liegt das Problem. Islamisten rufen ja in Bern auf dem Bahnhof auch auf, sich vom Christentum zu distanzieren. Wieso wurde dann bei denen nicht schon lange eine Untersuchung eingeleitet? Und der Vielfalt Flyer greift ja keine Rasse an. Ob gut oder nicht lässt sich natürlich diskutieren.»
Peter, anonymer Internetnutzer

«Ist das jetzt so schlimm? Islamis verteilen ja schließlich auch ihr Gedankengut per Koran in die Öffentlichkeit, was Terrorismus zur Folge hat. Also irgendwie habe ich langsam ein schlechtes Gefühl, was unsere Zukunft im eigenen Land noch bringen wird.»
Tschau Sepp, anonymer Internetnutzer


Nachtrag: Alfred und Heinz haben sich in der Zwischenzeit anonym gemeldet.