Von der Schlacht an den Computer

Alfred blickt in den Spiegel, Heinz zeigt sein Hinterteil.

Die Welt steht still: Alfred und Heinz haben sich tatsächlich gemeldet. Ihre Nachricht ist ein Hilferuf. Die beiden wissen nicht, wie Mut funktioniert. Ansonsten haben sie nichts zu sagen.

Erinnert ihr euch an Alfred und Heinz? Die beiden revolutionären Weltverbesserer mit den innovativen Ideen? Die zwei, die endlich den Mut aufbrachten, ihr Kinderzimmer verliessen und unter Lebensgefahr die Lösungen für alle Probleme präsentierten?

Na, klingelts?

Nein. Das ist verständlich. Solche Nichtigkeiten werden nicht abgespeichert. In jeder Sekunde geschehen auf der Welt wichtigere Dinge: Es regnet. Die Sonne scheint. Dann regnet es. Solche Sachen. Da bleibt kein Platz für Alfred und Heinz.

Trotzdem existieren sie – irgendwo am Rande, im Halbdunkeln. Dort lauern sie auf ihre Gelegenheit und brüten darüber, wie sie uns endlich die Augen öffnen können. Sie wissen, wie die Welt zu funktionieren hat: Abschotten, Mauern bauen, die Rasse rein halten. Der Feind ist alles Unbekannte. Der Antrieb ist Angst. Ein erbitterter Kampf.

Jetzt aber. Der Fetzen einer Erinnerung. Ihr kennt doch Alfred und Heinz? Immer noch nicht? Schade. Die Beiden suchen den Weg in unser Bewusstsein. Verzweifelt, frustriert. Sie brauchen das, sie wollen ihre Ziele erreichen. Und dann – endlich – zu Helden werden. Die Retter des Abendlands. Sie töten den Drachen und ehelichen das Burgfräulein. Die 72 Jungfrauen würden sie dagegen verschmähen. Da bin ich sicher.

Geben wir Ihnen noch eine Chance, schenken wir Ihnen etwas Aufmerksamkeit. Hier ist ihre Vorgeschichte, ihr Weg vom Kinderzimmer in die Schlacht.

Immer noch nichts verstanden
Nun erinnert ihr euch, die Geschichte kann weitergehen. Ich schreibe hier aber nicht über die erfolglose Suche der europäischen Geheimdienste. Ein anderes Mal, vielleicht. Vielleicht regnet es aber auch irgendwo und Alfred und Heinz bleiben aussen vor. Wie so oft in ihrem Leben. Dann sind sie traurig, Mama rennt und bringt neuen Pingu-Sirup. Mit Strohhalmen, damit sie sich nicht verschlucken. Sie weinen.

Dabei besitzen sie den Schlüssel zu ihrem Kerker, sie müssten nur die Türe öffnen. Aber: Das erfordert Mut und den bringen sie nicht auf.

Alfred und Heinz haben also eine E-Mail geschrieben. Schon vor einer ganzen Weile. Ich habe sie nicht gesehen, schuld ist mein Mail-Programm. Es hat die Nachricht in den Spam-Ordner geschoben. In den digitalen Mülleimer. Alfred und Heinz schluchzen. Ihre Ergüsse landen auf der Abfallhalde. So war das schon in der Vorgeschichte.

Lachende Neo-Nazis
Sie hätten «doch schon etwas gröber schmunzeln müssen», als sie meinen Artikel gelesen hätten, schreiben die Zwei. Da bin ich froh. Auch wenn das kein Artikel war, sondern ein Blog-Eintrag. Egal. Für Alfred und Heinz ist das Einheitsbrei. Lügenpresse. Von Blogs wissen sie nur, dass sie die Dinger nicht verbrennen können.

Hauptsache, die Beiden haben gelacht. Das hilft bei der Verarbeitung der Misserfolge. Balsam für die verbitterte Kreuzritter-Seele.

«Mamas Pingu-Sirup, herrlich, uns gefällt dein Humor durchaus», schreiben sie weiter. Oha. Die Unterstützer der Zeilen «Vielfalt ist ein Codewort für Völkermord an Weissen. Stoppt den weissen Genozid!», haben Humor. Denselben Humor wie ich. Vielleicht ist das so, weil Neo-Nazis Menschen sind. Doofe Menschen, aber Menschen. Alle Menschen sind Menschen. Wie das wohl Alfred und Heinz sehen?

Auch Hitler soll manchmal gelacht haben. Er habe böse Witze über seine Nazi-Kumpane gemacht, heisst es. Sein Lieblingsopfer sei Luftwaffen-Chef Herman Göring gewesen. Nur so am Rande. Als Information für Alfred und Heinz. Damit sie ohne schlechtes Gewissen gröber schmunzeln können.

Enttäuschende Antwort
Ich hatte Alfred und Heinz aufgerufen, Kontakt aufzunehmen. «Gerne würde ich mit ihnen die Aussagen auf den Flyern inhaltlich diskutieren, ich fände das spannend. Ich möchte ihnen die Möglichkeit geben sich zu erklären. Zeigt Mut und meldet euch. Seid bitte nicht immer so feige», schrieb ich damals.

Darauf gehen Alfred und Heinz leider nicht ein. Sie sind viel zu überzeugt von ihrer Sache, um sich mit Inhalten und Argumenten abzugeben. Ihre Überzeugung ist ausreichend: für eine anonyme Verstreu-Aktion und eine anonyme Kontaktaufnahme. Nicht aber, um sich einem Gespräch zu stellen. Vielleicht ahnen sie längst, dass ihre Überzeugung Schwachsinn ist.

Alfred und Heinz. Ihr dürft während dem Gespräch auch eine Burka tragen, wenn ihr wollt. Sprich: Ich werde niemandem verraten, wer ihr seid. Anonymität, baby.

Statt meine Anfrage zu beantworten und inhaltlich zu argumentieren, reagieren die Beiden auf diese Textpassage:

«Sie spielen derweil im Kinderzimmer Indianer und Cowboy. Nur: Keiner der Beiden will den Indianer spielen. Doof aber auch», schrieb ich damals. Und: «Ich werde auch die Rolle des Indianers übernehmen, damit ihr endlich wieder richtig spielen könnt. Deal?»

Bei Alfred und Heinz ist nur das angekommen. Schade. Zum Indianer- und Cowboy-Spiel dürfte ich immerhin ein paar Kumpels mitnehmen, da es «alleine keinen Spass macht». Das ist grosszügig – aber ziemlich doof. Das weiss ich, obwohl ich meine Kollegen noch gar nicht gefragt habe.

Alfred und Heinz denken und leben in Fronten. Die klare Linie zwischen Freund und Feind hilft, die Welt zu verstehen, sich darin zurechtzufinden. Ein schlichtes Gebilde. Zu schlicht für die Realität, zu schlicht für argumentative Diskussionen.

Alfred und Heinz lutschen weiterhin an ihren Daumen. Sie ziehen das Nicht-Sprechen vor. Den Weg des geringeren Widerstands. Den feigen Weg.

Meldet euch, falls sich das jemals ändert.