Wechselt die Unterhosen

Von fachkundiger Hand gewoben, erblickte einst ein Kopftuch das Licht der Welt. Oft getragen, ging es freudig umher und genoss den Anblick, der sich ihm bot.

Dabei sann das Kopftuch auch über die Existenz von anderen Tüchern nach. Bot sich die Gelegenheit, bemitleidete es diese. «Ach, ihr armen Unterhosen! Lebt im Dunkeln und seht nichts von der Welt.» Die so angesprochenen Kleidungsstücke missgönnten dem Kopftuch sein Glück. «Wer hoch sitzt, fällt tief», sprachen sie und und schmiedeten ein Komplott, um das Kopftuch zu stürzen. «Das Kopftuch ist schlecht, es dient einzig der Zurschaustellung der religiösen Zugehörigkeit, ist ausschliesslich ein Zeichen der Unterdrückung und will sich nicht integrieren. Weg damit», wisperten sie.

Die so gesäte Angst brachte einige Menschen zum Handeln. Mit einem Vorstoss im Grossen Rat forderten sie die Schaffung eines Gesetzes, welches das Tragen von Kopfbedeckungen an den obligatorischen Schulen im Wallis verbieten sollte. Da neben Unterhosen aber auch Schirmmützen mitwählten, wurde der Vorstoss knapp abgelehnt.

Das Kopftuch atmete auf. «Es liegt auf der Hand, dass nicht alle Kopftuchträger gleich sind. Die Walliser sind tolerant, schön, darf man hier seine Religion ausleben», dachte es zufrieden. Die Unterhosen gaben sich aber nicht geschlagen: «Im Herbst lancieren wir eine Volksinitiative, die nur das Kopftuch thematisiert. » Um den gemässigten Kleidungsstücken den Wind aus den Segeln zu nehmen, formulierten sie griffige Schlagwörter. «Christliche Werte verteidigen», «Clan-Verhalten an Schulen», «Religion, die nicht diejenige unserer Väter ist», sind nur einige davon.

Das Kopftuch schüttelte den Kopf. Es hatte gedacht, dass Nächstenliebe und Toleranz wichtige christliche Werte seien. «Wie kann ich eine ganze Religion bedrohen?», rätselte das Tuch. «Wie soll ich mich angesichts solcher Feindseligkeit integrieren?» Auch die Argumentation der Unterhosen verstand es nicht. Ist die Initiative doch genau das, was dem Kopftuch vorgeworfen wird zu sein: rückständig und diskriminierend.

«Religiöse Eiferer und Fundamentalisten sind doch überall gleich», bedauerte das Tuch und versuchte, aus luftiger Höhe Anzeichen für die «schleichende Islamisierung der Gesellschaft» zu erspähen. Fehlanzeige. Es ist Zeit, die Unterhosen zu wechseln!