«Manchmal verliert jemand das Bewusstsein»

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Marc Fischer aus Ipsach trainiert für den «Tough Guy», das härteste Hindernisrennen der Welt. Morgen reist er nach England, am Sonntag steht er am Start. Das Rennen beschert ihm Stromschläge, Feuer und eiskaltes Wasser – Fischers Furcht gilt aber den Ärzten.

«Je frostiger der Januar, desto freundlicher das Jahr», sagt eine alte Bauernregel. Das weise Sprüchlein vermag mich nicht zu wärmen. Frühmorgens zittere ich mich nach Ipsach, an das Ufer des Bielersees. Beinahe hätte ich kalte Füsse bekommen, im sprichwörtlichen Sinn. In der Realität sind meine Füsse längst Eisklumpen, sie tragen mich zu einem winterlichen Bad im Wasser des Bielersees. An einem Morgen des kältesten Januars seit 30 Jahren. Wassertemperatur: drei Grad. Aussentemperatur: um die Minus zehn Grad. Halleluja.

Der 27-jährige Marc Fischer aus Ipsach blickt voller Erwartung über das Wasser. Er scheint die Kälte nicht zu spüren, die gefrorenen Stellen im See zu übersehen. «Hallo», begrüsst er mich. «So kalt wie heute war es wohl noch nie.» Ein Spässchen, um meinen verkrampften Körper aufzulockern? Weit gefehlt. Der Fahrradmechaniker meint es ernst.

Bibbernd erinnere ich mich an die ärztlichen Ratschläge zum Eisbaden: Wer es regelmässig macht, tut seiner Gesundheit etwas Gutes, kurbelt das Immunsystem an und fördert den Stoffwechsel und die Durchblutung. Stürzt man sich aber nicht regelmässig in eiskalte Fluten, drohen Kreislaufprobleme. An kaltes Wasser muss man sich deshalb langsam gewöhnen. Weiter gilt: Die Dauer des Bades muss der Wassertemperatur angepasst werden (Beispiel: vier Minuten bei vier Grad Wassertemperatur). Ausserdem sollte man niemals alleine baden. Zumindest den letzten Punkt halte ich ein.

Angst vor den Ärzten
Marc Fischer ist ein harter Hund. Seit Monaten trainiert er für den «Tough Guy», das härteste Hindernisrennen der Welt. Dabei müssen auf einer Strecke von 15 Kilometern über 200 Hindernisse überwunden werden. Schlammpfützen sind dabei noch das kleinste Übel. «Klettergerüste, Tauchen im eiskalten Wasser, Höhlendurchquerungen, Hindernisse aus Feuer, drohende Stromschläge», so fasst Fischer das Rennen zusammen. Mit einem seligen Lächeln im Gesicht.

«Manchmal fallen Teilnehmer in Ohnmacht», sagt Fischer. Dies sei vor allem der Selbstüberschätzung geschuldet. «Die Sicherheitsvorkehrungen sind aber immens, am Streckenrand stehen überall Ärzte und beobachten die Sportler.» Diese würden sofort einschreiten und die Teilnehmer bei Verletzungen auch gegen ihren Willen aus dem Rennen nehmen. Davor hat Fischer Angst, er will unbedingt die Ziellinie überqueren. Stromschläge, Verbrennungen oder Erfrierungen kümmern ihn dagegen nicht.

«Natürlich leidet der Körper», sagt der Ipsacher. «Das sind meistens aber nur kleine Verletzungen, die nicht weiter stören.» Neben den Ärzten sorgt sich Fischer vor allem über das Greifgefühl in seinen Händen, das nach den Durchquerungen des eiskalten Wassers leiden könnte und so ein sicheres Überqueren der Hindernisse erschwert. «Ich will meine Grenzen ausloten und überwinden», erklärt der Militärfan seine Beweggründe. Fischers Leidenschaft für das Militär führte ihn auch ins Ausland, er war Teil von Swisscoy, dem Verband der Schweizer Armee im Kosovo.

Die Liebe zum Militär passt zu den Hindernisrennen. Diese wurden ursprünglich als Trainingsparcours für Soldaten entwickelt und erlebten erst später ein sportliches Revival. Das ist die zweite Schnittstelle zu Fischer. Seit seiner Kindheit treibt er regelmässig Sport. «Neben einer guten körperlichen Verfassung sind die Hindernisrennen vor allem Kopfsache», sagt der Ipsacher. Er muss es wissen, er ist kein unbeschriebenes Blatt. Seit einigen Jahren nimmt er an den speziellen Rennen teil, zum Beispiel auf dem Waffenplatz in Thun. «Neben dem Rennen in England werde ich sicher auch wieder in Thun an den Start gehen», so Fischer. Ausserdem sei ein Start in Engelberg geplant. «Ich kriege nicht genug davon», sagt der Fahrradmechaniker. «Ausser während den Rennen, da verflucht man sich manchmal.»

Trainings in der Kälte
Fischers Trainingseinheiten sind genauso verrückt wie das Rennen selber. An den Ufern des Bielersees wärmt er sich zuerst etwas auf, bevor er sich minutenlang im eiskalten Seewasser abhärtet. Um seinen Körper an die Rahmenbedingungen im Rennen zu gewöhnen, schwimmt er samt Schuhen und Kleidern. Das hat auch schon für Verwirrung gesorgt. «Einige Spaziergänger wollten die Polizei rufen. Sie sahen mich bekleidet ins Wasser gehen und dachten an Selbstmord».

Nach seiner Abhärtung im See beginnt das eigentliche Training. Fischer legt joggend und robbend eine Distanz von rund 15 Kilometern zurück – bis seine nassen Kleider gefroren sind. Dann gehts erneut zur Abhärtung in den See. Diesen Ablauf wiederholt er mehrmals, dazwischen findet er noch Kraft für Liegestütze, Rumpfbeugen und Klimmzüge.

All das, um seine eigenen Grenzen auszuloten. Den Gewinner der Hindernisrennen erwartet nicht mal ein ordentliches Preisgeld. Am «Tough Guy» erhält der Sieger umgerechnet knapp 1200 Franken. Etwa gleich viel gibt Fischer für seinen sportlichen Kurztrip aus. Das ist ihm egal, auch das Klassement spielt keine Rolle. «Ich will heil die Ziellinie überqueren, dann bin ich zufrieden», wiederholt er.

Ab ins Wasser
Zurück an den Bielersee. Nach einiger Zeit hat Fischer eine weitere Trainingseinheit beendet, das Abhärtungsprogramm im Seewasser wartet. Für mich bedeutet das: Entkleiden und hinein ins «Vergnügen». Bereits das Ablegen der Kleider ist eine Qual. Alles in mir sträubt sich, mein Widerwille wächst mit dem Kleiderberg am Boden. Marc Fischer entledigt sich schliesslich seines Oberteils, wohl um mich anzuspornen. Ich muss ihm vorgekommen sein wie ein bockiges Kleinkind.

Ich stehe in Badehosen am Seeufer und es ist Winter. Eine kleine Schneefläche versperrt den Weg zum Wasser. Ich überquere sie nach langem Zögern, tausend Stiche durchbohren die Fusssohlen. Der erste Schritt im Wasser ist eine Qual. Wo sind meine Füsse? Ich spüre sie nicht mehr. Jeder weitere Körperteil, der das Wasser berührt, stirbt ab. So fühlt sich das an. Langsam tauche ich meinen Oberkörper unter Wasser, bis zum Hals. Mir bleibt die Luft weg. Ich versuche zu atmen, irgendwie klappt das nicht mehr. Nach einigen langen Minuten muss ich abbrechen und den See verlassen.

Marc Fischer planscht derweil vergnügt im See. Endlich hat er genug, rasch ziehen wir uns an und fahren zu seinem Vater, in die warme Stube. Dort erhalte ich Kaffee. Und Fischer meinen Respekt.


Bieler Tagblatt, 26. Januar 2017