«Mein erstes Journalistenbüro war die Gefängniszelle Nr. 39»

Kurt Marti: «Die lokalen Medien nehmen ihre Aufgabe nicht wahr.»

Der Journalist Kurt Marti arbeitete während zehn Jahren als Redaktor bei der Oppositionszeitung «Rote Anneliese». Während dieser Zeit deckte er, trotz Gegenwind, zahlreiche Skandale auf. Ein Gespräch über Medienqualität und Missstände im Wallis.

Herr Marti, Sie erhielten kürzlich den «Prix Courage» Publikumspreis des Beobachters. Der Lohn für Ihre Mühen?
Der Preis ist eine wichtige öffentliche Anerkennung für meine Tätigkeit bei der «Roten Anneliese» und für mein Buch «Tal des Schweigens». Meine Arbeit wurde vom Publikum und nicht von einer Jury ausgezeichnet, was mich speziell freut. Dies ist ein wichtiges Signal für kritischen, unabhängigen Journalismus. Ausserdem verstehe ich den Preis als Wink mit dem Zaunpfahl gegen die Zustände im Wallis, gegen die Vetternwirtschaft und gegen das «Gesetz des Schweigens.»

Also honoriert die Bevölkerung Ihre Arbeit?
Ja, es gibt im Wallis viele Leute, die meine Arbeit schätzen. Aber die Mehrheit der Walliser Bevölkerung will keine unbequemen Wahrheiten hören.

Sie kritisieren die Walliser Medienlandschaft für ihre Verschwiegenheit und ihre Komplizenschaft zu den Mächtigen. Wie reagierten die regionalen Medien auf die Preisverleihung?
Die regionalen Medien haben mehrheitlich korrekt berichtet. Sowohl die Nominierung als auch die Verleihung des Preises wurden erwähnt, was mich positiv überrascht hat. Das ist aber eine völlig neue Entwicklung. Als ich letzten Herbst vor vollem Saal an der BergBuchBrig mein Buch vorstellte, berichteten die lokalen Medien – mit einer Ausnahme – nicht darüber. Es ist schon höchst erstaunlich, dass es einen Preis aus dem fernen Zürich braucht, damit sie endlich aufwachen.

«Der Staatsrat müsste dem Preisträger gratulieren», fordert die SP in einem Leserbrief im Walliser Boten.
Das wäre eine Überraschung gewesen (lacht).

Bleiben wir bei den regionalen Medien: Wie beurteilen Sie deren Qualität?
Das Wallis ist eine journalistische Wüste, kritischer Journalismus findet nur selten statt. Die Missstände bleiben unter der Oberfläche, die Hintergründe werden nicht recherchiert. Die regionalen Medien betreiben vor allem Verlautbarungs- und Eventjournalismus. Dafür braucht es aber keine subventionierten Zeitungen und kein gebührenfinanziertes, regionales TV und Radio, dafür gibt es PR-Büros und das Amtsblatt, das man allenfalls ausbauen könnte.

Sie gehen mit den regionalen Medien hart ins Gericht. Wo liegen die Gründe für die mangelnde Qualität?
Es gibt zu wenig Konkurrenz. In anderen Kantonen reissen sich die Medien um die heisse Geschichte. Im Wallis existiert dagegen ein stillschweigendes Abkommen der Medien. Niemand will der Erste sein, wenn es darum geht, Ross und Reiter beim Namen zu nennen. Auch hat niemand den Mut, Recherchen der «Roten Anneliese» aufzugreifen und damit Druck auf die Verantwortlichen auszuüben. Die regionalen Medien nehmen ihre Aufgabe als vierte Gewalt nicht wahr und folglich tragen sie eine Mitschuld an den politischen Missständen und Skandalen der Vergangenheit.

Ein Beispiel?
Da gibt es viele Beispiele. Etwa die Missstände im kantonalen Baudepartement und beim Bau der A9, welche ich jahrelang mit harten Fakten angeprangert habe. Doch die Medien schwiegen und mangels öffentlichem Druck wurde in Sitten weitergewurstet. Der Vorauszahlungsskandal im Jahr 2006 war die logische Folge davon. Als ich die politischen Hintergründe dieses Skandals aufdeckte, wurde in den Walliser Medien darüber geschwiegen. Insbesondere ein beweisträchtiges E-Mail von oberster Stelle liess die Medien kalt. Erst als vier Jahre später vor dem Bezirksgericht in Brig ein Anwalt das E-Mail erwähnte, berichteten auch die lokalen Medien darüber. Ein weiteres Beispiel ist die Affäre um den ehemaligen Chef der Walliser Gendarmerie, der wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind verurteilt wurde. Als ich die Affäre aufdeckte, schwiegen sich die regionalen Medien monatelang aus. Erst als der «Blick» meine Recherchen aufgriff, erwachten auch die Walliser Medien. Und plötzlich ging ein Ruck durch die Walliser Justiz, welche das Verfahren bereits einstellen wollte. Ohne meine Recherchen wäre der Gendarmerie-Chef noch heute in Amt und Würden.

Im Buch «Tal des Schweigens – Walliser Geschichten über Parteifilz, Kirche, Medien und Justiz» arbeiten Sie 18 von Ihnen recherchierte Geschichten auf. Warum?
Die meisten Geschichten wurden in der Öffentlichkeit totgeschwiegen. Deshalb habe ich die spannendsten Reportagen in einem Buch zusammengefasst, damit sich die zukünftigen Historiker nicht allein auf die Zeitungsarchive verlassen müssen. Zudem wollte ich die Geschichten auch einem grösseren Publikum auf der anderen Seite des Lötschbergs zugänglich machen. Dazu habe ich die Recherchen noch einmal überarbeitet und speziell die Rolle der Walliser Medien und der Justiz reflektiert. Vor allem in den Oberwalliser Medien ist die Justizkritik inexistent.

Sie schreiben von Parteifilz, Vetternwirtschaft, Justizwillkür, Medienzensur und Machtmissbrauch. Typische Walliser Probleme?
Diese Probleme existieren auch in anderen Kantonen. Trotzdem sind sie im Wallis ausgeprägter. Hier kennt jeder jeden, viele sind in irgendeiner Art und Weise miteinander verbandelt. Dazu kommt die mangelnde Kritik der Medien und die 156-jährige Dominanz der C-Parteien. Auf diesem Nährboden gedeihen illegale Machenschaften, Willkür und Intrigen besonders gut.

Welche der von Ihnen recherchierten Geschichten beschäftigte Sie am meisten?
Das war eine Artikelserie über fünf Jahre. Während dieser Zeit war mir die Walliser CVP-Justiz hartnäckig auf den Fersen und versuchte, mich mundtot zu machen, weil ich die Entlassung zweier Klosterfrauen von Unterems, einer Reinigungsfrau und mehrerer Insieme-Mitarbeiter anprangerte. Das Bezirks- und das Kantonsgericht haben mich auf Strafklage eines CSP-Anwaltes wegen Ehrverletzung verurteilt. Schliesslich hat mich das Bundesgericht in allen Punkten freigesprochen und dabei klar festgehalten, dass mir das Kantonsgericht Äusserungen angedichtet hatte, die ich nie geschrieben habe. Um mich verurteilen zu können, verletzte die Walliser Justiz Bundesrecht und der Kantonsrichter wurde zum Dichter.

Bis zum Freispruch durch das Bundesgericht galten Sie während zwei Jahren als erst- beziehungsweise zweitinstanzlich verurteilt.
Als Journalist darf man sich nicht durch Drohungen von Anwälten und Privatpersonen einschüchtern lassen. Der Gang vor den Richter gehört zum Beruf des Journalisten. Das hat den willkommenen Nebeneffekt, dass auch die Justiz Teil der Recherche wird und ins Visier der Kritik gerät. Übrigens gilt der Freispruch durch das Bundesgericht heute als wichtige Weichenstellung für die Arbeit von Medienschaffenden. In der übrigen Schweiz wurde der Freispruch entsprechend gewürdigt. Im Wallis hingegen haben sämtliche Medien nur die Medienmitteilung des Kantonsgerichts abgedruckt und liessen meine Medienmitteilung in ihren Papierkörben verschwinden.

Bei Ihrer Arbeit werden Ihnen immer wieder Steine in den Weg gelegt. Woher kommt Ihre Beharrlichkeit?
Das ist mein Charakter. Ich habe keine Angst davor, mich mit jemandem anzulegen. Es hat aber auch philosophisch-historische Gründe: Vor 200 Jahren fand in Europa eine epochale Wende statt. Die Aufklärung führte zu demokratischen Rechtsstaaten und schlussendlich zur Erklärung der Menschenrechte. Dieses freiheitliche Erbe ist immer durch undemokratische Tendenzen gefährdet. Es ist die Pflicht der Medienschaffenden, dieses Erbe zu verteidigen und an die Nachkommen weiterzutragen.

Sie sind in Ihrer Funktion als Journalist einigen Leuten «auf die Füsse getreten». Erleben Sie Anfeindungen?
Klar gibt es auch Anfeindungen, offene Feindschaft allerdings nicht. Viele schwarze und gelbe Politiker/Innen kommunizieren schlichtweg nicht mit mir und beantworten keine Interview-Anfragen. Ich nenne sie den «Club der Schweiger».

Kritiker bemängeln Ihre «Sicht durch die rote Brille.»
Mein erstes Journalistenbüro war die Zelle Nummer 39 des alten Untersuchungsgefängnisses in Sitten. Das prägt die Sicht. Ich trage keine rote Brille, sondern eine machtkritische. Wer die journalistische Aufgabe ernst nimmt, steht automatisch auf der Gegenposition zu jenen Kreisen, welche das Sagen haben. Klar gibt es hier Überschneidungen mit der Oppositionspolitik der SP, trotzdem berichte ich parteiunabhängig. Ich habe auch schon offen die Exponenten der SP angegriffen, etwa Thomas Burgener oder Peter Bodenmann. Da habe ich keine Beisshemmungen, wenn es sein muss.

Stichwort Peter Bodenmann: Ist seine Kritik an der SP gerechtfertigt?
Bodenmann hat mit seiner Kritik grösstenteils recht. De facto haben viele Leute in der Schweiz erst durch seine Streitschrift gemerkt, dass die SP Geburtstag hat. Für diese Gratis-Werbeaktion sollte ihm die SP dankbar sein.

Leidet die «Rote Anneliese» an Ihrer Nähe zur SP?
Nein. Die «Rote Anneliese» war vor meiner Zeit das Sprachrohr der SP. Ich habe eine klare Trennung vorgenommen.

In einem Artikel auf der Online-Plattform «infosperber.ch» schrieben Sie: «Neben der Zweitwohnungsinitiative, dem Raumplanungsgesetz und dem Wolf, leidet das Wallis immer mehr an SVP-Staatsrat Oskar Freysinger.»
Oskar Freysinger ist ein Popstar, der bereits in einige Fettnäpfchen getreten ist. Die Toleranz der Bevölkerung ist aber immer noch hoch. Aber sie beginnt zu bröckeln. Verhält er sich weiterhin so leichtsinnig, läuft er früher oder später in eine Mauer. Dann wird die öffentliche Meinung sehr schnell kippen.

Was wünschen Sie sich für das Wallis?
Die politischen Machtverhältnisse müssten sich verschieben, so dass der Einfluss der CVP auf ein normales Mass schrumpft. Zudem müssten die Medien ihre Kontrollfunktion wahrnehmen. Erst wenn sich im Wallis ein funktionierendes System von «Checks and Balances», das heisst wirksamer gegenseitiger, politischer Kontrolle, entwickelt, wird eine Wende zu einer offeneren Gesellschaft möglich. Das wird aber noch Jahrzehnte dauern. Der arabische Frühling lässt grüssen.


Rhonezeitung, 26.9.2013