«Prohibition bringt viele negative Effekte mit sich»

Eric Moser: «Drogenpolitik ist ein heisses Pflaster»
Biel ist ein oft genutzter Drogenumschlagplatz. Warum?

Die geografische Lage der Stadt kommt den Dealern zugute. Sie profitieren zudem von der Mehrsprachigkeit und vom billigen Wohnraum. In der Vergangenheit haben mehrere Grosshändler ihren Hauptsitz in Biel aufgeschlagen. Sie verkaufen ihren Stoff aber nicht unbedingt hier, sie sind überregional tätig.

Biel wird eine Problematik mit Methamphetamin zugeschrieben.

Diese Problematik gibt es seit dem Jahr 2000. In Biel werden vor allem Thaipillen gehandelt. Auch Crystal Meth wird verkauft und konsumiert, glücklicherweise bisher nur von wenigen Personen.

Wie hat sich der Konsum von illegalen Drogen entwickelt?

Die Dunkelziffer ist hoch. Die Abwasserkontrollen beweisen, dass auch in Biel Drogen konsumiert werden. Die schweizerischen Epidemiologiestudien zeigen aber eine relativ stabile Situation.

Und die Drogenpreise?

Die Preise fallen. 2005 kostete das Gramm Kokain zum Beispiel zwischen 300 und 500 Franken. Heute liegt der Preis zwischen 80 und 100 Franken. Dieser Preiszerfall ist eine weltweite Problematik, die auch zeigt, dass das Vier-Säulen-Prinzip zur Bekämpfung der Drogen nicht ausreicht.

Prävention, Therapie, Schadensminderung, Repression: Auch Biel setzt bei der Drogenpolitik auf diese vier Säulen.
Verstehen Sie mich nicht falsch, das Vier-Säulen-Prinzip funktioniert. Es hat schweizweit Wirkung gezeigt. Trotzdem könnte besser reguliert werden.

Sie plädieren für eine kontrollierte Abgabe von Drogen. Was sind die Vorteile?

Die Herkunft und Qualität der Drogen könnte besser kontrolliert werden. Behörden und Konsumenten wüssten über die Zusammensetzung Bescheid. Durch kompetente Abgabestellen hätten die Institutionen aus dem Sucht- und Gesundheitsbereich zudem direkten Kontakt zu Süchtigen.

Die eidgenössische Kommission für Suchtfragen spricht sich ebenfalls für die Regulierung von Drogen aus. Dazu bräuchte es einen politischen Entscheid.

Drogenpolitik ist ein heisses Pflaster, die Thematik ist mit Moral verbunden. Ein Beispiel: Konsumiert jemand Drogen, führt das in seinem Umfeld zu Emotionen. Die Objektivität geht verloren.

Sprechen wir über Repression.

Repression ist ein wichtiger Bestandteil einer umfassenden Suchtpolitik. Repression alleine verstärkt aber die Probleme. Die Konsumenten werden in die Illegalität getrieben, die Zusammensetzung der Substanzen ist ungewiss. Ausserdem werden die Probleme verlagert, etwa in schmuddelige Wohnungen.

Es braucht also eine neue Drogenpolitik?

Wir brauchen ein weniger paradoxes Modell. Die Prohibition bringt viele negative Effekte mit sich. Das fängt bei den Geldflüssen an: Der Schwarzmarkt floriert, die Grossdealer profitieren von den riesigen Margen und schleusen die Einnahmen am Staat vorbei. Prohibition nährt die Mafia.

Die Drogenpolitik wird in der Schweiz niemals geändert. Es gibt zu viele Vorbehalte.

In den 90er-Jahren hat die Schweiz in der Drogenpolitik sehr viel Innovationsgeist bewiesen. Die Ergebnisse waren positiv. Das muss uns bei den anstehenden Fragen erneut gelingen.

Ist eine drogenfreie Gesellschaft Utopie?

Ja. Die Menschheit hat schon immer Substanzen konsumiert. Das wird immer so bleiben. Zurzeit ermöglicht etwa die Globalisierung den problemlosen Bezug von jeder existierenden Droge.

Sie arbeiten seit 1982 im Bereich der Suchthilfe. Zufall?

Damals engagierte ich mich im Bereich der politischen Gerechtigkeit. In der Schweiz breiteten sich die Drogen aus und ich sah den Handlungsbedarf. Wir leisteten Pionierarbeit und etablierten viele Hilfsangebote, etwa Anlaufstellen.

35 Jahre in der Suchthilfe: Wie hat sich das Drogenverhalten der Gesellschaft verändert?

In den frühen 70er- und 80er-Jahren experimentierte man mit Drogen, alternative Lebensformen waren im Trend. In den 80er-Jahren kam die No Future-Generation, die Menschen sahen keine Perspektiven. Als Streetworker half ich damals beim Aufbau einer mobilen Abgabestelle, wir schufen Räume für Betroffene und Substitutionsprogramme.

Dann kamen die 90er, die Elektroszene war auf dem Vormarsch.

Es fanden viele Partys statt, die Partydroge Ecstasy etablierte sich. In der Technoszene stellten wir oft neuartige Substanzen fest. Das war unsere Herausforderung: Auf dem Laufenden bleiben und geeignete Massnahmen finden.

Jede Subkultur konsumiert also ihre eigenen Drogen. Korrekt?

Das stimmt. Als Gegensatz zur Partyszene, kann etwa der Konsum auf der Gasse genannt werden. Hier konsumieren Menschen, die vergessen wollen. Dazu nehmen sie Heroin, Kokain und Schlafmedikamente.

Welche Erlebnisse haben Sie besonders geprägt?

Die Heroinepidemie der 80er- und 90er-Jahre. Es gab wenig Hilfsangebote, während längerer Zeit wurden zum Beispiel keine sauberen Spritzen abgegeben. Das führte zur Aidsproblematik, ich sah viele Menschen sterben.

Blicken Sie in die Zukunft: Wie werden sich Drogen entwickeln?

Bleiben wir zuerst im Jahr 2017. Leistungsorientierte Substanzen, etwa Kokain oder muskelaufbauende Präparate, sind im Trend. Das bereitet uns Sorgen. Für die Zukunft rechnen wir mit Molekülen, die gezielter wirken. Etwa in Bezug auf die Gedächtnisleistung.

Als Suchthelfer führen Sie auch Drogenanalysen durch.

In Zusammenarbeit mit dem Kantonsapotheker haben wir ein mobiles Labor eingerichtet. Mit diesem sind wir an Partys präsent. Mit dem Angebot DIB+ bieten wir in Bern eine weitere Möglichkeit zur Drogenanalyse. Bei den Resultaten werden alle Wirkungssubstanzen und ihre Reinheiten einzeln aufgeführt.

Und?

Wir sehen die dunkle Seite der Prohibition: Tendenziell steigen die Dosierungen, vor allem bei Ecstasy-Pillen. Die Substanzen werden aber in unterschiedlichen Reinheiten verkauft. Die Gefahr einer Überdosis steigt dadurch markant, egal bei welcher Droge.

Welche Streckmittel kommen zum Einsatz?

Bei Kokain ist eine Reinheit von 70 bis 90 Prozent keine Seltenheit, es wird aber sehr oft mit Levamisol gestreckt. Ein Antiwurmmittel aus der Tiermedizin, das unter anderem zu Hautveränderungen führt. Amphetamin wird oft mit Nebenprodukten gemischt. Diese fallen bei der Produktion an, ihre Wirkung ist unklar. Heroin wird mit dem Medikament Paracetamol gestreckt.

Welche Drogen sind eigentlich am gefährlichsten?

Es geht nicht nur um die Substanzen, sondern auch um die Konsumform. Die legalen Drogen, also Alkohol und Tabak, sind ebenfalls gesundheitsschädigend. Sie führen schnell zur Abhängigkeit, trotzdem werden Sie als «weiche Drogen» bezeichnet. Ich halte die Unterteilung in weiche und harte Substanzen für falsch. Man muss von Weichem oder Hartem Substanzenkonsum sprechen.

Wie hilft «Contact» Menschen mit Suchtproblemen?

In überwachten Konsumräumen geht es darum, die Substanzen möglichst ohne Risiken zu konsumieren und Folgeschäden zu mindern. Arbeitsprogramme bieten eine Tagesstruktur und soziale Integration. Die ambulante Suchtbehandlung stabilisiert abhängige Menschen, ebenso die Wohnprogramme. Die mobilen Angebote an der Front tragen zur Entlastung des öffentlichen Raums bei.

Ihr Auftraggeber ist der Kanton. Dieser muss sparen.

Wir sind dankbar für die gute Zusammenarbeit mit dem Kanton. Trotzdem traf das Sparprogramm von 2014 auch Contact und andere soziale Institutionen. Das hatte massive Auswirkungen auf die Schwächsten der Gesellschaft. Wir hoffen, dass dies nicht wieder passiert.


«Contact» – Stiftung für Suchthilfe
Die Stiftung für Suchthilfe «Contact» ist im ganzen Kanton Bern tätig. «Contact» betreibt unter anderem Anlaufstellen, davon zwei mit überwachten Konsumräumen, Programme zur Schadensminderung, begleitete Wohnangebote und Programme zur Arbeitsintegration. Ausserdem führt die Stiftung aufsuchende Suchtarbeit durch und ist mit einem Informationsstand und dem mobilen Drogenlabor an Partys präsent. «Contact» setzt sich für eine moderne Drogenpolitik ein.


Bieler Tagblatt, 11.3.2017