«Rosenkrieg» endet hinter Gittern

Gestern hat das Regionalgericht Berner Jura-Seeland einen gekränkten Ex-Ehemann zu einer Haftstrafe von 42 Monaten verurteilt. Der 29-Jährige bedrohte den neuen Liebhaber seiner ehemaligen Frau erst mit einem Messer und versuchte dann, ihn zu überfahren.

Der 29-jährige Enes Daoud* streicht sich über sein Bärtchen, dann reibt er sich die Hände. Seiner gebückten Haltung ist anzusehen: Er will nicht hier sein. Immer wieder wandert Daouds Blick zum anderen Ende des Gerichtssaals, dorthin, wo Arif Essa* Platz genommen hat. Sein Kontrahent. Sein Widersacher. Zuerst in Liebesdingen, dann auf der Strasse und nun vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland. Ein lupenreiner «Rosenkrieg» mit filmreifen Szenen. Die letzten Kapitel schreibt das Gericht.

Daouds ehemalige Frau, eine junge Mutter von zwei Kindern, sitzt auf der Zuschauertribüne. Daoud übersieht sie geflissentlich, dabei liebt er sie noch immer. Das sagt er zumindest.

Sprachbarrieren vor Gericht
Der Prozess gegen Daoud dauert zwei Tage. Man wolle sich Zeit nehmen und die Sachlage eingehend prüfen, sagt Gerichtspräsidentin Sonja Koch am Donnerstag, dem ersten Prozesstag.

Das ist auch nötig, immerhin sieht sich Daoud mit zahlreichen Anschuldigungen konfrontiert. Die Schwerwiegendsten: Versuchte schwere Körperverletzung, versuchte einfache Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand, Drohungen in mehreren Fällen, grobe Verletzungen der Verkehrsregeln und Führen eines nicht den Vorschriften entsprechenden Fahrzeuges.

Die Befragung von Daoud verzögert sich. Er spricht «nur» Englisch und etwas Französisch, die angeforderte Übersetzerin verspätet sich um eine Dreiviertelstunde. Deshalb tritt zuerst Essa in den Zeugenstand. Die V-Form seines Oberkörpers weist auf einen trainierten Kampfsportler hin. «Ich hätte Bedenken, sollte Daoud aus dem Gefängnis entlassen werden», sagt er gleich zu Beginn. Er spricht Deutsch, obwohl Französisch seine Muttersprache ist. Leise und undeutlich, Staatsanwalt Andreas Jenzer steht auf und schaltet das Mikrofon ein. Trotzdem hat der Gerichtsschreiber Mühe, Essas Ausführungen zu folgen.

Die Folge sind Wiederholungen und eine Gerichtspräsidentin, die mehrmals ihren Richterstuhl verlässt, um die Anpassung von einzelnen Textpassagen höchstpersönlich zu überwachen. Eine harzige Befragung. Schliesslich gelingt es Essa, den Anwesenden die Vorfälle vom letzten März zu schildern.

Vor Moschee aufgelauert
Der Angeklagte habe ihm, seiner Freundin und den zwei Kindern vor der Moschee an der Zentralstrasse aufgelauert, sagt Essa. «Oh, Süsse», habe Daoud gesagt und dann sowohl die Frau als auch die Kinder bedrängt. «Meine Freundin ist geflüchtet, die Kinder haben vor Angst geschrien», so Essa. Also schaltet er sich ein und zeigt Daoud, dass er keine Angst vor ihm hat. Essa markiert sein Revier, dabei kommt es zu Handgreiflichkeiten. Dabei tritt Essa aggressiv auf, er provoziert. Daraus macht er auch vor Gericht keinen Hehl. Mit erhobenen Fäusten präsentiert er dem Dreiergericht wie er damals versuchte, sich zu verteidigen, welche Schläge und Stösse er dabei ausführte.

Zurück zum Tatort: Daoud zückt ein Messer. «Fünfmal versuchte er, mich zu stechen», sagt Essa. Um sich zu verteidigen, schnappt sich der Kampfsportler ein Trottinett. Daoud weicht zurück, gibt aber nicht auf. Stattdessen geht er zu seinem Auto, wendet und fährt aus kurzer Distanz auf Essa zu. «Ich zerstöre dich mit dem Daumen», soll Daoud geschrien haben. Dann beschleunigt er.

Essa sieht die Gefahr. Er rettet sich mit einem Sprung auf die Motorhaube, das Trottinett noch in der Hand. Jetzt lässt Essa seinem Zorn freien Lauf und drischt mit dem Trottinett auf die Windschutzscheibe ein, zerstört sie zu zwei Dritteln. «Ein Abwehrreflex», wird das Gericht später feststellen.

Während den Ausführungen von Essa schüttelt Daoud mehrmals den Kopf, lächelt belustigt. Etwas Deutsch scheint er zu verstehen. Vielleicht ahnt er aber auch einfach, wovon Essa spricht –dessen Gesten sind unmissverständlich.

Siegessicherer Staatsanwalt
Für die Autoattacke von Daoud gibt es Zeugen, ein Vater und sein Sohn schauten zu. Sie rufen dem Autolenker zu: «Du spinnst, du hast ihn beinahe getötet.» Später werden sie bei der Polizei aussagen, der Autolenker habe den anderen Mann ohne Zweifel überfahren wollen.

Die Übersetzerin ist inzwischen eingetroffen, Essas Befragung ist zu Ende. Nun nimmt Daoud im Zeugenstand Platz.

Gerichtspräsidentin Koch befragt ihn zuerst nach seinem Befinden, bevor sie auf Daouds Vorstrafen zu sprechen kommt. Davon gibt es mehrere, alle im Bereich der Kleinkriminalität. Ausserdem sind gegen Daoud drei Verfahren hängig, unter anderem wegen Nötigung. Das Opfer: seine Ex-Frau.
Staatsanwalt Jenzer beschäftigt sich derweil mit seinem Smartphone. Er scheint sich seiner Sache sicher zu sein. Er hat Zeugen, übereinstimmende und klare Aussagen in mehreren Verhörprotokollen und einen Gefängnisbericht, der dem Angeklagten schlechtes Verhalten bescheinigt.

Ausserdem existiert eine Aufnahme von Daouds Ex-Frau. Sie wählte den Notruf, berichtete von einem Streit und einer Messerattacke. Plötzlich schrie sie auf: «Er will ihn überfahren.» Das reicht Jenzer. «Es gibt selten so klare Beweise», sagt er.

Daoud bestreitet alles
Trotzdem sagt Daoud: «Die Vorwürfe stimmen nicht.» Gemäss seiner Version hat er das Paar und die zwei Kinder zufällig getroffen. Ausserdem sei es Essa gewesen, von dem die Aggressionen ausgegangen seien. Immer wieder spricht er über Essa, dann lacht er. Er könne seinen Namen nicht richtig aussprechen. Es klingt wie Hohn.

«Ich fühlte mich von Essa bedroht, stieg in mein Auto und wollte wegfahren», sagt Daoud vor Gericht. «Essa ist mir nachgelaufen, wollte nicht von mir ablassen.» Plötzlich sei Essa auf der Motorhaube gestanden und habe sein Auto mit einem Trottinett zerstört.

Daouds Fürsprecherin, Sara Ellen Hübscher, verteidigt ihren Mandanten leidenschaftlich. Er sei das Opfer, sagt sie. «Essa provoziert nachweislich gerne, die Aggressionen sind von ihm ausgegangen.» Es gebe keine Zeugen für die Messerattacke. Weiter hätten Essa und die Frau ihre Aussagen abgesprochen. Dann bringt sie noch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ins Spiel, die ihren Mandanten unrechtmässig behandelt hätte.

Hübschers Anstrengungen bleiben fruchtlos. Das Gericht sieht die Beweise als harte Fakten an und folgt schliesslich den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Daoud wird zu einer Haftstrafe von 42 Monaten verurteilt. Die Zeit, die er bereits im Gefängnis verbracht hat, wird davon abgezogen.
Ausserdem muss Daoud die gesamten Verfahrenskosten von über 16 800 Franken bezahlen. Zur Begleichung dieser Schuld wird sein Auto eingezogen und verkauft.

Daoud schüttelt den Kopf. Der Verlust seines Wagens scheint ihn am meisten zu schmerzen.

* Name geändert


Bieler Tagblatt, 8. April 2017