Vom Regen in die Traufe

Ein Reportageauftrag führte mich auf die Hannigalp in Saas-Fee. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

18 Kilometer vor Saas-Fee muss ich die Scheibenwischer einschalten. Dicke Regentropfen prasseln auf die Frontscheibe meines Autos, Passanten huschen mit eingezogenem Kopf an der Strasse vorbei. Ich fahre weiter, ein vager Verdacht beschleicht mich: Richtig, meine Regenjacke liegt noch zuhause und wartet auf meine Rückkehr. Während ich einen Fluch unterdrücke, bewältige ich die letzte Kurve vor Saas-Fee. Da sind sie: Imposant und majestätisch erheben sich die Saaser Gletscher vor meinen Augen.

Ein eindrückliches Bild. Es scheint, als wollten die Eismassen das kleine, urchige Dorf zu ihren Füssen verschlingen. Derart in Gedanken versunken, stelle ich mein Auto ab und mache mich auf den Weg ins Tourismusbüro.

«Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?» Die Dame am Empfang ist nett, helfen kann sie mir trotzdem nicht. Die Bahn auf die Hannigalp sei aufgrund des Wetters leider geschlossen, lässt sie mich wissen. Ich bedanke mich und beschliesse, die Hiobsbotschaft bei einer Tasse Kaffee zu verdauen. Ein Schlechtwetterprogramm ist nicht vorgesehen, ich sitze in der Tinte.

Ein wenig ziellos schlendere ich durch Saas-Fee: Elektroautos zischen durch Pfützen, Sprachen aus den verschiedensten Regionen der Welt durchdringen den Regenschleier. Die Einheimischen reden über den bevorstehenden Schulbeginn, über das schlechte Wetter und über das Mittagessen, das zuhause in dampfenden Töpfen wartet. Die Touristen besprechen ihr Schlechtwetterprogramm. Beim Stichwort «Gletschergrotte» werde ich hellhörig, der Plan ist gefasst.

Die Wegweiser zeigen mir den Weg in Richtung Gletschergrotte. Von den angeschriebenen fünfzig Minuten Marschzeit lasse ich mich nicht abschrecken, dafür vom Regen, der plötzlich sintflutartig über mich hereinbricht. Wohl oder übel suche ich Schutz in einem Restaurant. Hier treffe ich die zwei Belgier Tristan und Jonas. Sie sind Leidensgenossen. «Wir wollten den Höhenweg Hannigalp – Saas-Fee absolvieren. Bereits am frühen Morgen mussten wir unser Vorhaben aufgrund des schlechten Wetters aber abbrechen», erzählt Jonas.

Nach einer Weile lasse ich die beiden zurück, die Gletschergrotte wartet. Als ich mich noch einmal umdrehe, sehe ich die mitfühlenden Blicke der Belgier. Ich weiss genau, was sie denken: «Ohne Regenjacke in so einem Wetter. Wer ist hier wohl der Tourist?» Ich erinnere mich an die Worte, die mir mein Vorgesetzter mit auf den Weg gegeben hat: «Rägu macht schöni Lit.» Dies ist mein Schutz, eine Regenjacke brauche ich nicht.

Der Weg zur Gletschergrotte führt mich aus dem Dorf hinaus, steiler und steiler, immer näher an die Gletscher, der Ausblick ist bezaubernd. Mein Blick fängt reissende Gebirgsbäche und wunderschöne Blumen ein. Ich versöhne mich mit der Natur und lege noch einen Zacken zu. Die Gletschergrotte wartet.

Endlich, nach einer letzten Biegung liegt ein kleines Restaurant vor mir. Auf die Frage, wo denn die Gletschergrotte sei, lacht die symphatische Service-Angestellte. «Da sind Sie fünfzig Jahre zu spät. Die Grotte wurde abgebrochen, der Name wurde von unserem Restaurant übernommen.» Auch wenn die Angestellten des Restaurants die Frage nach dem Verbleib der Grotte mehrmals am Tag beantworten müssen, ein Trost ist das nicht.

Ich erinnere mich an den Spruch auf dem Empfangsschild des Restaurants: «Gestern ist Geschichte, Morgen eine Überraschung und Heute ein Geschenk. Geniess den Tag.» Leider kann ich den Rest des Tages nicht mehr geniessen. Ein Gewitter zieht heran. Ich flüchte. Fertig ist sie, die Reportage mit Hindernissen. Oder eher: Die Reportage über Hindernisse.