Zwei Frauen malträtiert – zu Haft verurteilt

Zeichnung: Tiphaine Allemann

Gestern hat das Regionalgericht Berner Jura-Seeland einen 26-jährigen Mann wegen zahlreicher Vergehen verurteilt, darunter auch sexuelle Nötigung. Der Mann zeigte Reue, trotzdem muss er hinter Gitter.

Die Anklageschrift gegen Yahya Wali* ist umfangreich. Die Staatsanwaltschaft brauchte mehrere Seiten, alleine um die Vergehen des 26-Jährigen aufzulisten. Die Gesetzesübertretungen wiegen schwer, sie können nicht mit dem Begriff «Kavaliersdelikte» bezeichnet werden.

Sexuelle Nötigung, Freiheitsberaubung, Nötigung, einfache Körperverletzung, Drohung und Beschimpfung: Das ist Walis «Leistungsausweis». Die Taten beging er alle im Jahr 2014. Die Opfer: seine zwei Ex-Freundinnen. Trotz der Schwere der Vergehen war der gestrige Prozess reine Formsache, nach nicht einmal einer Stunde sprach Gerichtspräsidentin Sonja Koch das Urteil. Dann klickten die Handschellen.

Der Prozess gegen Wali wurde als abgekürztes Verfahren durchgeführt. Diese Methode kommt zum Einsatz, wenn der vorgeworfene Sachverhalt einigermassen klar ist, die beschuldigte Person die Vergehen zugibt und die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von weniger als fünf Jahren verlangt. Das Ziel des abgekürzten Verfahrens ist die rasche und effiziente Erledigung von unbestrittenen Fällen, was schlussendlich die Justiz entlasten soll. Der gestrige Prozess war ein Paradebeispiel dafür.

Eingesperrt und malträtiert
Flankiert von zwei Polizisten sitzt Wali auf einem Stuhl im Gerichtssaal. Den Verbrecher sieht man ihm nicht an. Buntes Hemd und Jeans, eine Brille und ein sorgfältig gestutztes Ziegenbärtchen im jugendlichen Gesicht. Die langen Haare hat Wali streng nach hinten gekämmt und zu einem Knoten geflochten. Damit gleicht er einem Studenten aus gutem Elternhaus. Seine unsichere Haltung und die leise, brüchige Stimme stehen im krassen Gegensatz zur Verwerflichkeit seiner Taten.

Wali ist unruhig, er schämt sich sichtlich und spricht nicht gerne über die Details seiner Vergehen. Beinahe hat man Mitleid mit ihm – bis Koch die Gesetzesübertretungen detailliert schildert.

Im August 2014 machte sich Wali der mehrfachen Freiheitsberaubung schuldig. Er hinderte seine damalige Partnerin während rund zweier Stunden daran, ihre Wohnung zu verlassen. Er schlug seine Freundin, setzte sich auf sie. So hinderte er sie am Weggehen.

Nur knapp einen Monat später kam es zu einem ähnlichen Vorfall. Erneut sperrte Wali seine Freundin in der Wohnung ein und schlug sie. Schliesslich rief seine damalige Partnerin die Polizei. Bei den Ermittlungen kamen weitere Vergehen ans Licht. So spielte Wali auch mit seiner nächsten Freundin sein Spiel, er schloss sie zweimal in der Wohnung ein und wurde dabei mehrmals gewalttätig.

Wali beliess es aber nicht bei den Schlägen, eine seiner ehemaligen Partnerinnen würgte er, während er ihr mit der anderen Hand Ohrfeigen verpasste. Noch am selben Tag setzte er sich auf die Frau und würgte sie erneut. Dabei habe sie Todesängste ausgestanden, ist in der Anklageschrift zu lesen. Wali hatte aber noch immer nicht genug. Er schlug der Frau mit der Faust ins Gesicht und rammte ihr sein Knie in die Hüften. Einmal verprügelte er sie mit einem um die Hand gewickelten Gürtel, die Geschädigte zog sich dadurch Verletzungen im Nierenbereich zu.

Gerichtspräsidentin Koch fragt Wali, ob die Sachverhalte stimmen. Er zögert und haucht schliesslich ein «Ja» ins Mikrofon.

Mit Messer bedroht
So verklemmt sich Wali vor Gericht gibt, so brutal agierte er gegenüber seinen Partnerinnen. Eine seiner Freundinnen schlug er und zwang sie so, sich auszuziehen. Dann kniff er sie in Schamlippen und Brüste und zückte sein Mobiltelefon, um die Szene zu filmen. «Ich habe nicht gefilmt, nur getan als ob», sagt er vor Gericht. Diese Sache will er klarstellen.

Auch die andere Frau musste noch mehr leiden. Wali packte sie am Kragen und setzte sie auf das Sofa. Dann packte er ein Küchenmesser und richtete es mit einem Abstand von rund 30 Zentimetern gegen das Gesicht und den Hals seines Opfers. Mit dieser Aktion wollte Wali das Facebook-Passwort seiner damaligen Partnerin erfahren. Wohl aus Eifersucht, er wollte ihre Nachrichten lesen.

Dieselbe Frau bedrohte er auch mit Worten. «Ich werde dir die Pulsadern aufschneiden, du wirst deine Familie nie mehr sehen», sagte Wali zu ihr. Sie solle beten, dass gewisse Fotos nicht mehr auf Facebook auffindbar seien, ansonsten werde sie mit dem Leben bezahlen. Ausserdem beschimpfte er die Frau mehrmals, was gegen seine anderen Vergehen beinahe wie eine Lappalie wirkt.

Dankbar für Therapie
Vor Gericht gesteht Wali alle seine Taten. «Ich bin mit der Strafe einverstanden», sagt er. Die Strafe besteht aus der Übernahme der Verfahrenskosten von über 48 000 Franken und einem unbedingten Freiheitsentzug von 36 Monaten. Wali hat bereits 409 Tage in Untersuchungshaft verbüsst, zusätzlich befindet er sich seit Januar 2016 im vorzeitigen Strafvollzug. Die Tage, die er bereits eingesperrt war, werden von seiner Strafe abgezogen.

Seit September 2016 unterzieht sich Wali im Gefängnis einer Therapie, eine Massnahme, die auch die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift forderte. Ausserdem kam ein Gutachter zum Schluss, dass Wali in einer schwierigen persönlichen Situation stecke und eine Behandlung nötig sei. «Die ambulante Behandlung tut mir gut», sagt der Verurteilte. «Ich bin dankbar für die Unterstützung, die ich erhalte.» So sei er noch nie zuvor unterstützt worden.

Wali zeigt vor Gericht Reue. «Ich möchte noch etwas sagen», flüstert er ins Mikrofon. «Ich kann nicht mehr rückgängig machen, was geschehen ist. Es tut mir leid.» Dann bricht seine Stimme weg. Stille im Gerichtssaal. Später sagt Wali: «Ich mache alles, damit so etwas nicht noch einmal geschieht.»

«Ich wünsche ihnen alles Gute», sagt Koch und beendet die Verhandlung. Handschellen klicken, für Wali gehts zurück in den Strafvollzug.


Bieler Tagblatt, 26. April 2017